Reformfreimaurerei – Die fünf Thesen von Bruder Günter L. – Eine Stellungnahme & Gedankensammlung

Die folgenden fünf Thesen nach einem Vortrag bei der VGLD, die unsere Aufgaben als Freimaurer im 21. Jahrhundert betreffen und auch in der Humanität 2/2001 abgedruckt wurden, möchte ich nahezu ungekürzt wiedergeben. Entnommen sind sie von der Webseite des Freimaurerischen Gesprächskreises „Grenzakazie“ in Wissembourg, als auch dem Freimaurer Wiki (http://freimaurer-wiki.de/index.php/Traktat:_Wir_bauen_den_Tempel_der_Humanit%C3%A4t).

Ich möchte aus der Sicht eines Reformfreimaurers eine Stellungnahme hierzu abgeben und die Thesen ergänzen. Gerade in dem Jahr, in welchem wir 300 Jahre „moderne Freimaurerei“ wie wir sie heute kennen, feiern, müssen wir uns auch kritischer den je mit ihr auseinandersetzen. Der Gedanke an nötige Reformen und Erneuerungen muss ein Zentraler Bestandteil der Arbeiten innerhalb der Logen, aber auch in den Großlogen werden. Hierzu benötigt es die Unterstützung offener und freidenkender Brüder, die sich aus den Dogmen der Alten Pflichten befreien möchten. Ich selbst hatte mich bereits mit Reformfreimaurerei und einigen Ideen beschäftigt und möchte mit den folgenden fünf Thesen von Br. Günter L. an dieses Thema anknüpfen.

 

1.    Wir müssen politischer werden

Unser selbst gewählter Auftrag ist der Bau am Tempel der Humanität. Das heißt: Wir arbeiten an der Verwirklichung von Humanität im Hier und Jetzt. Wir streben nach einer Gesellschaft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und das Maß allen Handelns ist. Das ist eindeutig ein politischer Auftrag. Politisch im klassisch-griechischen Sinn: ein Auftrag, der die Öffentlichkeit angeht, der in der Öffentlichkeit ausgeführt werden muss, nicht in der Privatheit.

„Nach Ihren Handlungen wird man Sie werten“ heißt es im Ritual bei der zweiten Reise, nicht nach Ihren guten Absichten oder vornehmen Gedanken. Alles was wir tun erhält erst dadurch seinen Wert, dass es letztendlich in der Öffentlichkeit sichtbar und wirksam wird. Gegebenenfalls eben auch durch parteipolitisches Engagement. Ist es denn wirklich so, dass Freimaurer sich viel lieber mit sich selbst beschäftigen als mit der Welt, in der sie leben? Dass unsere Hauptsorge formalen Dingen gilt wie etwa Basic Principles, Arkandisziplin, Anerkennungsfragen, Regularität, Besuchsregeln und den daraus abgeleiteten Konsequenzen? Diese Regeln und Vereinbarungen sind vor langer Zeit, den damaligen Umständen angemessen, aus bestimmten Gründen und zu bestimmten Zwecken so formuliert worden. Es handelt sich nicht um Offenbarungen und heilige Gesetze. Sie sind veränderbar, wenn sich die Umstände geändert haben.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Auch wenn ich den Bau am Tempel der Humanität nicht per se als einen Aufruf zur politischen Arbeit verstehe, so sehe ich es dennoch als eine Art „Arbeit an der Gesellschaft“. Diese kann durchaus auch politischer Art sein. Auch ein Freimaurer muss sich hier engagieren können und politisch tätig sein. Zumindest ein mündiger Bürger, der auch von seinem Wahlrecht Gebrauch macht. Es ist leider inzwischen so geworden, dass viele Freimaurer die Alten Pflichten als ein festes und unüberwindbares Gesetz ansehen. Genau hier müssen wir differenzieren und diese Regeln der Zeit anpassen. Ich stimme hier Br. Günter zu, dass wir uns aus diesem reinen „Vereinsgehabe“ rausbewegen müssen, hin zu einer modernen Form der Freimaurerei. Aber nicht mal die Idee der Erörterung politischer Fragen in den Logen ist neu. Der F.z.a.S. hatte schon in seiner „programmatische Erklärungen des Reformfreimaurerbundes“ im Jahre 1930 diese Überlegung angestellt und den Brüdern ans Herz gelegt:

„Zulassung der Erörterung auch politischer und religiöser Fragen im Tempel: denn ihre Ausschaltung zeugt von mangelndem Vertrauen zur freimaurerischen Idee, die ja das gesamte persönliche und gemeinschaftliche Leben durchdringen und gestalten soll; es entsteht zugleich die Gefahr einer leeren Schönrednerei ohne fruchtbringende Wirkung für den Menschheitsbau.“

Noch immer also beschäftigt sich die Freimaurerei mit ihren Vereinen und den Vereinsstreitigkeiten, anstatt an der großartigen Idee, welche unsere Gründerväter formulierten, zu arbeiten. Wir sind eingeengt von Dogmen und Restriktionen, die wir uns selbst auferlegen, weil wir den Zeitgeist nicht erkennen oder sehen und diese nicht zeitgemäß anpassen wollen. Wir müssten uns gerade in diesen politisch eher schweren Zeiten mit Wirtschaftskrisen, Flüchtlingswellen und politisch instabilen Regionen auf dem Globus positionieren und dies ggf. auch in der Öffentlichkeit und aufhören, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Eine aktive Arbeit am Tempelbau ist gefragt und nicht ein bloßes Schönreden und Wegsehen, wenn es einen selbst nicht betrifft. Nicht im Kreis um sich selbst drehen, sondern aktiv eine helfende Hand reichen.

 

2.    Wir müssen nach innen spiritueller werden

Wir sind nicht nur ein säkularer ethischer Bund und üben uns nicht nur in tugendhaftem Verhalten. Wir sind auch eine Initiationsgemeinschaft und sind damit in der Tradition der klassischen Mysterienbünde auf einem spirituellen Weg zur Selbsterkenntnis. Unsere Rituale leiten uns nicht nur zum kognitiven Erkennen an, sondern ebenso zum intuitiven Erfahren. Sie führen nicht nur, in gut aufklärerischer Tradition, der erkennenden Vernunft die erstrebten Weisheiten und Tugenden in Worten und Taten vor Augen, damit wir uns kraft unserer Einsicht nach ihnen richten. Sie führen auch, jenseits aller Tugend und Moral, den Menschen zur Harmonie mit sich selbst und mit seiner Umwelt und zu den Quellen seines Seins. Unsere Rituale sind Gesamtkunstwerke, welche den Menschen als ganzheitliches körperlich-geistig-seelisches Wesen ansprechen und auf ihn eine mächtige, verändernde Kraft ausüben können. In jeder Tempelarbeit breitet das Ritual vor unseren Augen und Ohren die Fülle seiner symbolischen Werkzeuge aus und fordert uns auf, jedes Mal neu, uns anregen zu lassen, zuzugreifen zu dem, was uns anspricht und damit weiter zu arbeiten auf dem Weg zu uns selbst.

Damit das Ritual seine verändernde Wirkung entfalten kann, damit es uns als innerlich Gewandelte und Befreite hinaus in die Welt entlässt, damit wir uns dort als Freimaurer bewähren können – dazu genügt es freilich nicht, jeden Monat einmal einer Tempelarbeit passiv beizuwohnen. Es wird auch ohne Anleitung nur wenigen gelingen, den Inhalt der Rituale für sich ganz auszuschöpfen. Wir müssten also Instruktionen entwickeln, Anleitungen zur persönlichen Arbeit auf der Basis der Rituale und müssten diese Anleitungen zum Beispiel in Wochenendseminaren an unsere Brüder weitergeben.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Ich denke nicht, dass Spiritualität hier der passende Begriff ist. „Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne „Geistigkeit“ und bezeichnet eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.“ (aus https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritualit%C3%A4t). Eben weil wir vor allem ein ethischer Bund sind, müssen wir anfangen uns endlich von den Mysterienbünden zu lösen. Das Ritual bringt uns während des Erlebens, insofern wir uns völlig auf dieses einlassen und die praktizierenden Brüder es auch tragend vorbringen können, in eine meditative Stimmung. Wir sind hier offen für die Schönheit der Musik und den Worten des Br. Redners. Allerdings was bringt diese ganze Idee, wenn die Tempelarbeit eher zu einem Theaterspiel verkommt, wenn die Brüder den Text nur stupide ablesen und keine Emotionen verbreiten? Dann kommen wir wieder zum typischen Verein, der ein Schauspiel abspielt. Sich auf das Ritual einlassen, sich angemessen auf diese Arbeit vorbereiten, vor allem auch mit der angemessenen Kleidung. Hier kann und darf es nicht sein, dass gerade neue und jüngere Brüder eine gewisse Lässigkeit in den Tempel bringen und eher so ausschauen, als ob sie in der Eckkneipe sitzen würden. Sich Einlassen auf das Ritual heißt es zu erleben, die Arbeit zusammen in der Bruder- oder Schwesterkette zu begehen und hin-einzutauchen in seinen eigenen Geist. Erst dann kann man sich fallen lassen, den Geist öffnen für die Ideen der Maurerei, welche durch die Symbole und Zeichen seit Jahrhunderten transportiert werden. Erst dann lassen sich die Worte der vorgetragenen Zeichnung erfassen und manifestieren einen Gedanken in einem Selbst.

Was wir jedoch nicht dürfen ist das bereits erwähnte hinabgleiten in ein Schauspiel in dem wir hier eine übertriebene Spiritualität einbringen, wie wir es aus Gottesdiensten gewohnt sind. Wir sind wie anfangs erwähnt ein ethischer Bund und keinerlei Religion. Daher müssen wir diesen religiösen Transzendenzbezug weglassen, weil er zum einen nicht der Idee der königlichen Kunst entspricht und zum anderen ein völlig falsches Bild einer Pseudo-Religion erschafft. Der meditative Charakter muss im Vordergrund stehen, denn so können wir die nötigen Werkzeuge, zur Arbeit an unserem eigenen rauen Stein und somit am Tempelbau, erfassen.

3.    Wir müssen eine Elite werden

Zu unseren Idealen gehört die Gleichheit. Daraus leiten wir gern die Vorstellung ab, dass die Loge in ihrer Mitgliederstruktur ein getreues Abbild der Gesellschaft sein müsse, und dass sie sich absolut nicht als eine Auslese (Elite) aus der Gesellschaft verstehen dürfe. Nichts ist für uns destruktiver als dieses Missverständnis. Das aufklärerische Postulat der Gleichheit bezieht sich auf die Gleichheit aller im Anspruch auf die Freiheit, auf die Gleichheit im Hinblick auf die Lebenschancen und die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Aufklärung hat die Eliten nicht beseitigt, sie hat nur die Zugangskriterien verändert: an die Stelle ererbter Vorrechte ist die Auslese aufgrund persönlicher Leistung und Fähigkeit getreten. Wir müssen in diesem Sinne entschlossen darangehen, uns zur Elite zu entwickeln. Unsere Logen sollen durchaus Mitglieder aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten als Mitglieder werben. Aber wir müssen uns jeweils um die führenden Köpfe bemühen. Und dieses Werben geht wohl nur von Person zu Person, nicht durch läppische „Öffentlichkeitsarbeit“. Interessante Männer werden durch interessante Männer angezogen – wo Tauben sind, da fliegen Tauben hin. Weshalb ist es so interessant, Rotarier zu werden? Weil man im Rotaryclub interessante Männer findet, und weil man aus der Einladung zur Mitgliedschaft erkennt, dass diese Männer einen selbst ebenfalls für interessant halten. Also lasst uns darangehen, uns wieder als Elite zu verstehen und daran zu arbeiten, dass wir es auch werden. Wenn das kein Thema für die Großlogen ist, dann sollten wenigstens einzelne Logen den Mut haben, sich zu Elitelogen zu entwickeln. Wenn sie erfolgreich sind, werden sie Nachahmer finden.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Elite ist ein schwerer Begriff und kann schnell zu Vorurteilen außenstehender Personen oder Verschwörungstheoretikern führen. “Elite (urspr. vom lateinischen eligere bzw. exlegere, „auslesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten, ökonomische Eliten) einer Gesellschaft. […] Als Elitarismus bezeichnet man die Ideologie, die vom Bewusstsein getragen wird, einer Elite anzugehören. (aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Elite): Wir müssen mit dem Begriff der Elite vorsichtig umgehen, denn wir dürfen uns nie als eine Gruppierung überdurchschnittlich qualifizierter Personen sehen, denn dies wiederum würde gegen das Prinzip der Gleichheit stehen. Ein „primus inter pares“ (lateinisch für „Erster unter Gleichen“ waren die Worte, die auch schon Könige im Kreise ihrer Logen gewählt haben. Gleichheit und Brüderlichkeit darf nie hinter den Anspruch gestellt werden, eine Elite zu sein. Aus dem Grund der Steigerung seines eigenen Selbstwertgefühls (weil man ja Mitglied einer „Elite ist“) aber auch aus dem Drang sich selbst zu profilieren, darf man kein Freimaurer werden. Demut ist eines der Dinge, die der junge Bruder auf dem Weg zum Meister erlernen muss. Erst dann kann er wachsen und reifen.

Die Idee des Autors, nicht mehr aus erblichen Rechten, sondern aus persönlicher Leistung ein Mitglied dieses Bundes zu werden sagt mir sehr zu. Der Neophyt dürfe nicht aus einem Missverständnis über die Freimaurerei an die Bruderschaft herangeführt werden. Brüder sollten auch interessierte Brüder für ihre Logen gewinnen und an die königliche Kunst heranführen. Brüder aber nur aufgrund ihres Standes oder ihrer gesellschaftlichen Position zu umwerben halte ich für falsch. Die Loge muss ein gewisses Abbild einer Gesellschaft sein und sollte nicht zu dem Zweck dienen, sich gegenseitig zu erheben und über die anderen Menschen zu stellen. Sie ist aber eine Elite im Sinne von „auserlesen sein“. Die Brüder oder Schwestern einer Loge stimmen mit der Kugelung über das Aufnahmegesuch eines neuen Interessenten ab. Dies wiederum ist eine Entscheidung, bei der man durchaus über eine Auslese sprechen kann, also wiederum von einer Bauhütte im Sinne einer Abgrenzung nach außen.

 

4.    Wir müssen unsere Mitglieder beruflich fördern

Während der Aufnahme, bereits nach den drei Reisen, wenn fast alles schon gelaufen ist, bekommt der Neophyt eine allerletzte Gelegenheit, sich die Sache doch noch einmal zu überlegen, mit der offenbar alles entscheidenden Mitteilung: „Wir warnen Sie ehrlich und freundschaftlich, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, die Ihnen keinerlei materielle Vorteile verheißen kann“. Wenn wir das sagen, fühlen wir uns wohl als moralisch besonders hoch über den Niederungen der profanen Welt Stehende. Mich erinnert das eher an die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben: wir machen da aus unserem offenbaren Unvermögen eine Tugend. Was braucht denn ein junger Mensch dringender als eine Gruppe oder ein Netzwerk von Älteren, Erfahrenen, Einflussreichen, die ihm auch im materiellen Leben den Rücken stärken und den Weg zeigen können? Und war denn die mittelalterliche Bruderschaft der Steinmetze und Baumeister etwas anderes, als eine Organisation zur beruflichen Förderung und materiellen Sicherung ihrer Mitglieder? Vor kurzem hat mir ein Bruder erzählt, dass es ihm nicht gelungen sei, bei seinen beiden Söhnen für die Freimaurerei mehr als ein müdes Lächeln zu wecken. Wohl aber sei einer der hoffnungsvollen Sprösslinge mit Begeisterung in eine schlagende Verbindung eingetreten. Auf die Frage, was ihn denn dort so anziehe, sei der Hinweis auf die Alten Herren gefolgt, die genau dort in einflussreichen Positionen säßen, wo der Junior sich seine berufliche Zukunft vorstellte. Eben. Im Übrigen: Neben einer gewissen beruflichen Förderung bemühen sich die Studentenverbindungen durchaus, ihren Mitgliedern auch positive immaterielle Werte sowie Umgangsformen zu vermitteln – wie die Logen ja auch. Weshalb tun wir es ihnen nicht auch auf der beruflichen Ebene gleich? Wir möchten in der Welt doch etwas bewegen. Weshalb sorgen wir dann nicht dafür, dass unsere Mitglieder auch an solchen beruflichen Positionen gelangen, wo sie etwas bewegen können? Wenn wir für tüchtige junge Leute attraktiv werden wollen, dann müssen wir die berufliche Qualifizierung und Positionierung unserer Mitglieder zu einem zentralen Teil unserer Arbeit am rauen Stein machen. Nicht nur die einfache Stellenvermittlung, sondern auch die Qualifizierung vorher. Etwa so, wie es die französischen Compagnons mit Erfolg tun, nur in anderen Berufsfeldern.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Sich gengenseitig als Brüder zu unterstützen und zu helfen ist auch eines der Ziele dieser Bruderschaft. Nicht umsonst sprechen wir von einer weltweiten Bruderkette/Schwesterkette. Die jüngeren Brüder sollten und müssen hier auch auf die Erfahrung ihrer älteren Brüder zurückgreifen können. Sollten sie sich dann auch noch im beruflichen Umfeld unterstützen können, spricht hier nichts dagegen. Es geht eher um die Frage, aus welchen Gründen ein Gesuch zur Aufnahme in den Bund der Freimaurer gestellt wird. Hierbei muss die Arbeit am eigenen Ich, als auch die Arbeit an der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Für die Ideale der Freimaurerei „brennen“ und sie in die profane Welt hinaustragen. Materielles Interesse oder gar Vorteile im beruflichen Umfeld dürfen kein Grund sein, diesem Bund beizutreten. Hier wird der interesseierte Suchende sicherlich enttäuscht werden. Kann jedoch ein Bruder einem anderen helfen, ihn unterstützen oder sogar unter die Arme greifen, so sehe ich es als eine brüderliche Pflicht an. Dies kann natürlich auch im beruflichen Umfeld gelten und darüber hinaus. Es ist ein existentieller Bestandteil der Bruderschaften.

 

5.    Wir müssen unser Verhältnis zu den Frauen ändern

Die Aufklärung – und damit die Freimaurer – wollten und wollen noch immer den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der „Mensch“, das war natürlich in aller Unschuld nur der Mann. Auch bei uns: „Männer, die Maurer geworden sind, müssen frei geboren sein, von gereiftem Alter und gutem Ruf, körperlich und geistig gesund, ohne Gebrechen oder Verstümmelung zur Zeit ihrer Aufnahme, weder Weib noch Eunuch“. So steht’s beim alten Anderson und sein Wort ist uns heilig. Und wir haben uns dran gehalten: Zur Emanzipation der weiblichen Hälfte der Menschheit haben wir nicht das Geringste beigetragen. Es ist erst hundert Jahre her, dass unsere Wissenschaft aufgehört hat, vom „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ zu faseln und dass Frauen z. B. zum Medizinstudium zugelassen wurden.

Für uns gilt dieser Schwachsinn immer noch und so kann man heute noch von Brüdern die Meinung hören, unsere Rituale seien „männlich“ und daher für Frauen nicht geeignet, oder sogar, Frauen seien nicht in unserem Sinne initiationsfähig. Es mag ja so sein, aber sollten wir das Urteil darüber nicht den Frauen selbst überlassen? Die Frauen haben sich ja inzwischen auch in dieser Hinsicht ihrer männlichen Vormünder entledigt und ihre Emanzipation selbst in die Hand genommen. Dabei haben sie auch die Freimaurerei für sich entdeckt und praktizieren sie mit großem Ernst und respektablem Erfolg. Aber wir pflegen unsere Berührungsängste. Wie oft habe ich schon die Befürchtung gehört, da könnte sich ja – Gott-sei-bei-uns – etwas Erotik in den Tempel schleichen. Vor kurzem ist mir in der internen Freimaurer-Liste im Internet etwas in diesem Zusammenhang Charakteristisches begegnet.

Die Zulassung zu dieser Liste erfolgt in einem automatisierten Verfahren. Zunächst erscheint jede Anmeldung in der Liste und jeder Teilnehmer kann sie lesen, dann erst entscheidet der listmaster über die Zulassung, die in diesem Fall nur erfolgt, wenn man einer „regulären“ Loge angehört. Es erschien also die Anmeldung des Stuhlmeisters einer gemischten Loge. Sofort, noch ehe der listmaster überhaupt reagieren konnte, schrieb ein Bruder, dass er mit sofortiger Wirkung seine Mitgliedschaft in der Liste kündige. Er habe bei seiner Aufnahme geschworen, nie maurerischen Verkehr mit Frauen zu haben, und diesen Schwur gedenke er zu halten.

In welch eine Haltung gegenüber Frauen lassen wir uns da treiben? Welche Ängste verbergen sich eigentlich hinter unserer strikten Distanzierung von der femininen Maurerei, selbst im Cyberspace? Gibt es da vielleicht eine archaische Angst vor der starken Frau, gekoppelt mit der Vorstellung von ihrer kultischen Unreinheit, durch die der Mann beschmutzt wird, worauf dann sein steinzeitlicher Jagdzauber nicht mehr funktioniert? Mir scheint, da haben wir Männer noch ein gutes Stück Aufklärung nötig. Es geht nicht darum, nun in die Männerlogen partout Frauen aufzunehmen, aber die freimaurerisch arbeitenden Frauen haben es verdient, endlich als unsere Schwestern und gleichwertigen Gefährtinnen auf dem maurerischen initiatischen Weg anerkannt zu werden.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Noch immer stelle ich eine große Skepsis bei einigen, meist älteren Brüdern gegenüber einer Frauenloge fest. Ich habe es sogar schon selbst erleben dürfen, dass sich eher konservative Brüder gegen die Aufnahme einer Frauenloge in ein Logenhaus gestellt haben und das, obwohl diese Frauenloge eine offizielle Loge der FGLD (Frauen-Großloge von Deutschland) ist. Selbst die Großloge AFuAM nimmt die Kontakte zur FGLD auf und arbeitet an gemeinsamen Konzepten und Veranstaltungen. Die Frauenlogen sind Teil und Mitglied der Forschungsloge Quatuor Coronati und leisten einen großen und interessanten Beitrag zu den gemeinsamen Veranstaltungen und Arbeitskreisen. So wie dem Br. Günter erging es mir auch in einer Diskussion über eine gemeinsame Arbeit im Tempel. Da wurde von konservativen Brüdern hinter vorgehaltener Hand etwas von „der Entweihung des Tempels“ geredet. Warum sollte so etwas sein? Weil die Damen den Staub und Dreck der letzten Jahrhunderte patriarchischer Männerlogen aus dem Tempel kehren, weil sie frische, moderne Winde beim Lüften einlassen würden? (bitte entschuldigt mir den Wortwitz mit typischen Klischees, liebe Schwestern)

Ich denke das im Jahr 2017 diese alten starren Formen der strikten Trennung der Vergangenheit angehören sollten und auch Brüder und Schwestern gemeinsame Ritualarbeiten abhalten und besuchen können. Wir müssen die angesprochenen Worte von Anderson aus den Alten Pflichten (wie schon oft angemerkt) zeitgemäß interpretieren und damit umgehen. Vor rund 300 Jahren war die Stellung der Frau in der Gesellschaft eine andere. Die Gesellschaft war von Patriarchen bestimmt und der Frau gestand man nur die Rolle der Mutter, Erzieherin der Kinder und Hausfrau zu. Somit lassen sich auch Andersons Worte rückblickend verstehen. Aber dies heißt nicht, meine lieben Brüder, dass wir dies wortwörtlich so einhalten und umsetzen müssen. Ich habe sehr eindrucksvolle Schwestern auf meinen Reisen kennenlernen dürfen und pflege gerne den Kontakt zu ihnen. Grenzen aufgrund des Geschlechtes zu ziehen halte ich für falsch und unangebracht. Es zeugt eher von mangelndem Selbstvertrauen in sich selbst und der Idee der Freimaurerei.

Wir, die wir uns in der direkten Nachfolge der Aufklärung sehen, wollen noch immer den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit führen. Das schließt aber nicht per se 50% der weltweiten Bevölkerung aus. Es geht hier um den Menschen der uns als Baustein am Bau des Tempels der Humanität dienen soll, der eine bessere Welt erschaffen soll. Stellen wir uns doch alle einmal die Frage wie so ein Fundament oder der sich darauf befindliche Tempel aussehen wurde, wenn die Hälfte der Steine bewusst wegegelassen wären…

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