Reformfreimaurerei – Die fünf Thesen von Bruder Günter L. – Eine Stellungnahme & Gedankensammlung

Die folgenden fünf Thesen nach einem Vortrag bei der VGLD, die unsere Aufgaben als Freimaurer im 21. Jahrhundert betreffen und auch in der Humanität 2/2001 abgedruckt wurden, möchte ich nahezu ungekürzt wiedergeben. Entnommen sind sie von der Webseite des Freimaurerischen Gesprächskreises „Grenzakazie“ in Wissembourg, als auch dem Freimaurer Wiki (http://freimaurer-wiki.de/index.php/Traktat:_Wir_bauen_den_Tempel_der_Humanit%C3%A4t).

Ich möchte aus der Sicht eines Reformfreimaurers eine Stellungnahme hierzu abgeben und die Thesen ergänzen. Gerade in dem Jahr, in welchem wir 300 Jahre „moderne Freimaurerei“ wie wir sie heute kennen, feiern, müssen wir uns auch kritischer den je mit ihr auseinandersetzen. Der Gedanke an nötige Reformen und Erneuerungen muss ein Zentraler Bestandteil der Arbeiten innerhalb der Logen, aber auch in den Großlogen werden. Hierzu benötigt es die Unterstützung offener und freidenkender Brüder, die sich aus den Dogmen der Alten Pflichten befreien möchten. Ich selbst hatte mich bereits mit Reformfreimaurerei und einigen Ideen beschäftigt und möchte mit den folgenden fünf Thesen von Br. Günter L. an dieses Thema anknüpfen.

 

1.    Wir müssen politischer werden

Unser selbst gewählter Auftrag ist der Bau am Tempel der Humanität. Das heißt: Wir arbeiten an der Verwirklichung von Humanität im Hier und Jetzt. Wir streben nach einer Gesellschaft, in der der Mensch im Mittelpunkt steht und das Maß allen Handelns ist. Das ist eindeutig ein politischer Auftrag. Politisch im klassisch-griechischen Sinn: ein Auftrag, der die Öffentlichkeit angeht, der in der Öffentlichkeit ausgeführt werden muss, nicht in der Privatheit.

„Nach Ihren Handlungen wird man Sie werten“ heißt es im Ritual bei der zweiten Reise, nicht nach Ihren guten Absichten oder vornehmen Gedanken. Alles was wir tun erhält erst dadurch seinen Wert, dass es letztendlich in der Öffentlichkeit sichtbar und wirksam wird. Gegebenenfalls eben auch durch parteipolitisches Engagement. Ist es denn wirklich so, dass Freimaurer sich viel lieber mit sich selbst beschäftigen als mit der Welt, in der sie leben? Dass unsere Hauptsorge formalen Dingen gilt wie etwa Basic Principles, Arkandisziplin, Anerkennungsfragen, Regularität, Besuchsregeln und den daraus abgeleiteten Konsequenzen? Diese Regeln und Vereinbarungen sind vor langer Zeit, den damaligen Umständen angemessen, aus bestimmten Gründen und zu bestimmten Zwecken so formuliert worden. Es handelt sich nicht um Offenbarungen und heilige Gesetze. Sie sind veränderbar, wenn sich die Umstände geändert haben.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Auch wenn ich den Bau am Tempel der Humanität nicht per se als einen Aufruf zur politischen Arbeit verstehe, so sehe ich es dennoch als eine Art „Arbeit an der Gesellschaft“. Diese kann durchaus auch politischer Art sein. Auch ein Freimaurer muss sich hier engagieren können und politisch tätig sein. Zumindest ein mündiger Bürger, der auch von seinem Wahlrecht Gebrauch macht. Es ist leider inzwischen so geworden, dass viele Freimaurer die Alten Pflichten als ein festes und unüberwindbares Gesetz ansehen. Genau hier müssen wir differenzieren und diese Regeln der Zeit anpassen. Ich stimme hier Br. Günter zu, dass wir uns aus diesem reinen „Vereinsgehabe“ rausbewegen müssen, hin zu einer modernen Form der Freimaurerei. Aber nicht mal die Idee der Erörterung politischer Fragen in den Logen ist neu. Der F.z.a.S. hatte schon in seiner „programmatische Erklärungen des Reformfreimaurerbundes“ im Jahre 1930 diese Überlegung angestellt und den Brüdern ans Herz gelegt:

„Zulassung der Erörterung auch politischer und religiöser Fragen im Tempel: denn ihre Ausschaltung zeugt von mangelndem Vertrauen zur freimaurerischen Idee, die ja das gesamte persönliche und gemeinschaftliche Leben durchdringen und gestalten soll; es entsteht zugleich die Gefahr einer leeren Schönrednerei ohne fruchtbringende Wirkung für den Menschheitsbau.“

Noch immer also beschäftigt sich die Freimaurerei mit ihren Vereinen und den Vereinsstreitigkeiten, anstatt an der großartigen Idee, welche unsere Gründerväter formulierten, zu arbeiten. Wir sind eingeengt von Dogmen und Restriktionen, die wir uns selbst auferlegen, weil wir den Zeitgeist nicht erkennen oder sehen und diese nicht zeitgemäß anpassen wollen. Wir müssten uns gerade in diesen politisch eher schweren Zeiten mit Wirtschaftskrisen, Flüchtlingswellen und politisch instabilen Regionen auf dem Globus positionieren und dies ggf. auch in der Öffentlichkeit und aufhören, uns mit uns selbst zu beschäftigen. Eine aktive Arbeit am Tempelbau ist gefragt und nicht ein bloßes Schönreden und Wegsehen, wenn es einen selbst nicht betrifft. Nicht im Kreis um sich selbst drehen, sondern aktiv eine helfende Hand reichen.

 

2.    Wir müssen nach innen spiritueller werden

Wir sind nicht nur ein säkularer ethischer Bund und üben uns nicht nur in tugendhaftem Verhalten. Wir sind auch eine Initiationsgemeinschaft und sind damit in der Tradition der klassischen Mysterienbünde auf einem spirituellen Weg zur Selbsterkenntnis. Unsere Rituale leiten uns nicht nur zum kognitiven Erkennen an, sondern ebenso zum intuitiven Erfahren. Sie führen nicht nur, in gut aufklärerischer Tradition, der erkennenden Vernunft die erstrebten Weisheiten und Tugenden in Worten und Taten vor Augen, damit wir uns kraft unserer Einsicht nach ihnen richten. Sie führen auch, jenseits aller Tugend und Moral, den Menschen zur Harmonie mit sich selbst und mit seiner Umwelt und zu den Quellen seines Seins. Unsere Rituale sind Gesamtkunstwerke, welche den Menschen als ganzheitliches körperlich-geistig-seelisches Wesen ansprechen und auf ihn eine mächtige, verändernde Kraft ausüben können. In jeder Tempelarbeit breitet das Ritual vor unseren Augen und Ohren die Fülle seiner symbolischen Werkzeuge aus und fordert uns auf, jedes Mal neu, uns anregen zu lassen, zuzugreifen zu dem, was uns anspricht und damit weiter zu arbeiten auf dem Weg zu uns selbst.

Damit das Ritual seine verändernde Wirkung entfalten kann, damit es uns als innerlich Gewandelte und Befreite hinaus in die Welt entlässt, damit wir uns dort als Freimaurer bewähren können – dazu genügt es freilich nicht, jeden Monat einmal einer Tempelarbeit passiv beizuwohnen. Es wird auch ohne Anleitung nur wenigen gelingen, den Inhalt der Rituale für sich ganz auszuschöpfen. Wir müssten also Instruktionen entwickeln, Anleitungen zur persönlichen Arbeit auf der Basis der Rituale und müssten diese Anleitungen zum Beispiel in Wochenendseminaren an unsere Brüder weitergeben.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Ich denke nicht, dass Spiritualität hier der passende Begriff ist. „Spiritualität bedeutet im weitesten Sinne „Geistigkeit“ und bezeichnet eine auf Geistiges aller Art oder im engeren Sinn auf Geistliches in spezifisch religiösem Sinn ausgerichtete Haltung. Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.“ (aus https://de.wikipedia.org/wiki/Spiritualit%C3%A4t). Eben weil wir vor allem ein ethischer Bund sind, müssen wir anfangen uns endlich von den Mysterienbünden zu lösen. Das Ritual bringt uns während des Erlebens, insofern wir uns völlig auf dieses einlassen und die praktizierenden Brüder es auch tragend vorbringen können, in eine meditative Stimmung. Wir sind hier offen für die Schönheit der Musik und den Worten des Br. Redners. Allerdings was bringt diese ganze Idee, wenn die Tempelarbeit eher zu einem Theaterspiel verkommt, wenn die Brüder den Text nur stupide ablesen und keine Emotionen verbreiten? Dann kommen wir wieder zum typischen Verein, der ein Schauspiel abspielt. Sich auf das Ritual einlassen, sich angemessen auf diese Arbeit vorbereiten, vor allem auch mit der angemessenen Kleidung. Hier kann und darf es nicht sein, dass gerade neue und jüngere Brüder eine gewisse Lässigkeit in den Tempel bringen und eher so ausschauen, als ob sie in der Eckkneipe sitzen würden. Sich Einlassen auf das Ritual heißt es zu erleben, die Arbeit zusammen in der Bruder- oder Schwesterkette zu begehen und hin-einzutauchen in seinen eigenen Geist. Erst dann kann man sich fallen lassen, den Geist öffnen für die Ideen der Maurerei, welche durch die Symbole und Zeichen seit Jahrhunderten transportiert werden. Erst dann lassen sich die Worte der vorgetragenen Zeichnung erfassen und manifestieren einen Gedanken in einem Selbst.

Was wir jedoch nicht dürfen ist das bereits erwähnte hinabgleiten in ein Schauspiel in dem wir hier eine übertriebene Spiritualität einbringen, wie wir es aus Gottesdiensten gewohnt sind. Wir sind wie anfangs erwähnt ein ethischer Bund und keinerlei Religion. Daher müssen wir diesen religiösen Transzendenzbezug weglassen, weil er zum einen nicht der Idee der königlichen Kunst entspricht und zum anderen ein völlig falsches Bild einer Pseudo-Religion erschafft. Der meditative Charakter muss im Vordergrund stehen, denn so können wir die nötigen Werkzeuge, zur Arbeit an unserem eigenen rauen Stein und somit am Tempelbau, erfassen.

3.    Wir müssen eine Elite werden

Zu unseren Idealen gehört die Gleichheit. Daraus leiten wir gern die Vorstellung ab, dass die Loge in ihrer Mitgliederstruktur ein getreues Abbild der Gesellschaft sein müsse, und dass sie sich absolut nicht als eine Auslese (Elite) aus der Gesellschaft verstehen dürfe. Nichts ist für uns destruktiver als dieses Missverständnis. Das aufklärerische Postulat der Gleichheit bezieht sich auf die Gleichheit aller im Anspruch auf die Freiheit, auf die Gleichheit im Hinblick auf die Lebenschancen und die Gleichheit vor dem Gesetz. Die Aufklärung hat die Eliten nicht beseitigt, sie hat nur die Zugangskriterien verändert: an die Stelle ererbter Vorrechte ist die Auslese aufgrund persönlicher Leistung und Fähigkeit getreten. Wir müssen in diesem Sinne entschlossen darangehen, uns zur Elite zu entwickeln. Unsere Logen sollen durchaus Mitglieder aus allen gesellschaftlichen Gruppen und Schichten als Mitglieder werben. Aber wir müssen uns jeweils um die führenden Köpfe bemühen. Und dieses Werben geht wohl nur von Person zu Person, nicht durch läppische „Öffentlichkeitsarbeit“. Interessante Männer werden durch interessante Männer angezogen – wo Tauben sind, da fliegen Tauben hin. Weshalb ist es so interessant, Rotarier zu werden? Weil man im Rotaryclub interessante Männer findet, und weil man aus der Einladung zur Mitgliedschaft erkennt, dass diese Männer einen selbst ebenfalls für interessant halten. Also lasst uns darangehen, uns wieder als Elite zu verstehen und daran zu arbeiten, dass wir es auch werden. Wenn das kein Thema für die Großlogen ist, dann sollten wenigstens einzelne Logen den Mut haben, sich zu Elitelogen zu entwickeln. Wenn sie erfolgreich sind, werden sie Nachahmer finden.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Elite ist ein schwerer Begriff und kann schnell zu Vorurteilen außenstehender Personen oder Verschwörungstheoretikern führen. “Elite (urspr. vom lateinischen eligere bzw. exlegere, „auslesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten, ökonomische Eliten) einer Gesellschaft. […] Als Elitarismus bezeichnet man die Ideologie, die vom Bewusstsein getragen wird, einer Elite anzugehören. (aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Elite): Wir müssen mit dem Begriff der Elite vorsichtig umgehen, denn wir dürfen uns nie als eine Gruppierung überdurchschnittlich qualifizierter Personen sehen, denn dies wiederum würde gegen das Prinzip der Gleichheit stehen. Ein „primus inter pares“ (lateinisch für „Erster unter Gleichen“ waren die Worte, die auch schon Könige im Kreise ihrer Logen gewählt haben. Gleichheit und Brüderlichkeit darf nie hinter den Anspruch gestellt werden, eine Elite zu sein. Aus dem Grund der Steigerung seines eigenen Selbstwertgefühls (weil man ja Mitglied einer „Elite ist“) aber auch aus dem Drang sich selbst zu profilieren, darf man kein Freimaurer werden. Demut ist eines der Dinge, die der junge Bruder auf dem Weg zum Meister erlernen muss. Erst dann kann er wachsen und reifen.

Die Idee des Autors, nicht mehr aus erblichen Rechten, sondern aus persönlicher Leistung ein Mitglied dieses Bundes zu werden sagt mir sehr zu. Der Neophyt dürfe nicht aus einem Missverständnis über die Freimaurerei an die Bruderschaft herangeführt werden. Brüder sollten auch interessierte Brüder für ihre Logen gewinnen und an die königliche Kunst heranführen. Brüder aber nur aufgrund ihres Standes oder ihrer gesellschaftlichen Position zu umwerben halte ich für falsch. Die Loge muss ein gewisses Abbild einer Gesellschaft sein und sollte nicht zu dem Zweck dienen, sich gegenseitig zu erheben und über die anderen Menschen zu stellen. Sie ist aber eine Elite im Sinne von „auserlesen sein“. Die Brüder oder Schwestern einer Loge stimmen mit der Kugelung über das Aufnahmegesuch eines neuen Interessenten ab. Dies wiederum ist eine Entscheidung, bei der man durchaus über eine Auslese sprechen kann, also wiederum von einer Bauhütte im Sinne einer Abgrenzung nach außen.

 

4.    Wir müssen unsere Mitglieder beruflich fördern

Während der Aufnahme, bereits nach den drei Reisen, wenn fast alles schon gelaufen ist, bekommt der Neophyt eine allerletzte Gelegenheit, sich die Sache doch noch einmal zu überlegen, mit der offenbar alles entscheidenden Mitteilung: „Wir warnen Sie ehrlich und freundschaftlich, sich einer Gemeinschaft anzuschließen, die Ihnen keinerlei materielle Vorteile verheißen kann“. Wenn wir das sagen, fühlen wir uns wohl als moralisch besonders hoch über den Niederungen der profanen Welt Stehende. Mich erinnert das eher an die Geschichte vom Fuchs und den sauren Trauben: wir machen da aus unserem offenbaren Unvermögen eine Tugend. Was braucht denn ein junger Mensch dringender als eine Gruppe oder ein Netzwerk von Älteren, Erfahrenen, Einflussreichen, die ihm auch im materiellen Leben den Rücken stärken und den Weg zeigen können? Und war denn die mittelalterliche Bruderschaft der Steinmetze und Baumeister etwas anderes, als eine Organisation zur beruflichen Förderung und materiellen Sicherung ihrer Mitglieder? Vor kurzem hat mir ein Bruder erzählt, dass es ihm nicht gelungen sei, bei seinen beiden Söhnen für die Freimaurerei mehr als ein müdes Lächeln zu wecken. Wohl aber sei einer der hoffnungsvollen Sprösslinge mit Begeisterung in eine schlagende Verbindung eingetreten. Auf die Frage, was ihn denn dort so anziehe, sei der Hinweis auf die Alten Herren gefolgt, die genau dort in einflussreichen Positionen säßen, wo der Junior sich seine berufliche Zukunft vorstellte. Eben. Im Übrigen: Neben einer gewissen beruflichen Förderung bemühen sich die Studentenverbindungen durchaus, ihren Mitgliedern auch positive immaterielle Werte sowie Umgangsformen zu vermitteln – wie die Logen ja auch. Weshalb tun wir es ihnen nicht auch auf der beruflichen Ebene gleich? Wir möchten in der Welt doch etwas bewegen. Weshalb sorgen wir dann nicht dafür, dass unsere Mitglieder auch an solchen beruflichen Positionen gelangen, wo sie etwas bewegen können? Wenn wir für tüchtige junge Leute attraktiv werden wollen, dann müssen wir die berufliche Qualifizierung und Positionierung unserer Mitglieder zu einem zentralen Teil unserer Arbeit am rauen Stein machen. Nicht nur die einfache Stellenvermittlung, sondern auch die Qualifizierung vorher. Etwa so, wie es die französischen Compagnons mit Erfolg tun, nur in anderen Berufsfeldern.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Sich gengenseitig als Brüder zu unterstützen und zu helfen ist auch eines der Ziele dieser Bruderschaft. Nicht umsonst sprechen wir von einer weltweiten Bruderkette/Schwesterkette. Die jüngeren Brüder sollten und müssen hier auch auf die Erfahrung ihrer älteren Brüder zurückgreifen können. Sollten sie sich dann auch noch im beruflichen Umfeld unterstützen können, spricht hier nichts dagegen. Es geht eher um die Frage, aus welchen Gründen ein Gesuch zur Aufnahme in den Bund der Freimaurer gestellt wird. Hierbei muss die Arbeit am eigenen Ich, als auch die Arbeit an der Gesellschaft im Vordergrund stehen. Für die Ideale der Freimaurerei „brennen“ und sie in die profane Welt hinaustragen. Materielles Interesse oder gar Vorteile im beruflichen Umfeld dürfen kein Grund sein, diesem Bund beizutreten. Hier wird der interesseierte Suchende sicherlich enttäuscht werden. Kann jedoch ein Bruder einem anderen helfen, ihn unterstützen oder sogar unter die Arme greifen, so sehe ich es als eine brüderliche Pflicht an. Dies kann natürlich auch im beruflichen Umfeld gelten und darüber hinaus. Es ist ein existentieller Bestandteil der Bruderschaften.

 

5.    Wir müssen unser Verhältnis zu den Frauen ändern

Die Aufklärung – und damit die Freimaurer – wollten und wollen noch immer den Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Der „Mensch“, das war natürlich in aller Unschuld nur der Mann. Auch bei uns: „Männer, die Maurer geworden sind, müssen frei geboren sein, von gereiftem Alter und gutem Ruf, körperlich und geistig gesund, ohne Gebrechen oder Verstümmelung zur Zeit ihrer Aufnahme, weder Weib noch Eunuch“. So steht’s beim alten Anderson und sein Wort ist uns heilig. Und wir haben uns dran gehalten: Zur Emanzipation der weiblichen Hälfte der Menschheit haben wir nicht das Geringste beigetragen. Es ist erst hundert Jahre her, dass unsere Wissenschaft aufgehört hat, vom „physiologischen Schwachsinn des Weibes“ zu faseln und dass Frauen z. B. zum Medizinstudium zugelassen wurden.

Für uns gilt dieser Schwachsinn immer noch und so kann man heute noch von Brüdern die Meinung hören, unsere Rituale seien „männlich“ und daher für Frauen nicht geeignet, oder sogar, Frauen seien nicht in unserem Sinne initiationsfähig. Es mag ja so sein, aber sollten wir das Urteil darüber nicht den Frauen selbst überlassen? Die Frauen haben sich ja inzwischen auch in dieser Hinsicht ihrer männlichen Vormünder entledigt und ihre Emanzipation selbst in die Hand genommen. Dabei haben sie auch die Freimaurerei für sich entdeckt und praktizieren sie mit großem Ernst und respektablem Erfolg. Aber wir pflegen unsere Berührungsängste. Wie oft habe ich schon die Befürchtung gehört, da könnte sich ja – Gott-sei-bei-uns – etwas Erotik in den Tempel schleichen. Vor kurzem ist mir in der internen Freimaurer-Liste im Internet etwas in diesem Zusammenhang Charakteristisches begegnet.

Die Zulassung zu dieser Liste erfolgt in einem automatisierten Verfahren. Zunächst erscheint jede Anmeldung in der Liste und jeder Teilnehmer kann sie lesen, dann erst entscheidet der listmaster über die Zulassung, die in diesem Fall nur erfolgt, wenn man einer „regulären“ Loge angehört. Es erschien also die Anmeldung des Stuhlmeisters einer gemischten Loge. Sofort, noch ehe der listmaster überhaupt reagieren konnte, schrieb ein Bruder, dass er mit sofortiger Wirkung seine Mitgliedschaft in der Liste kündige. Er habe bei seiner Aufnahme geschworen, nie maurerischen Verkehr mit Frauen zu haben, und diesen Schwur gedenke er zu halten.

In welch eine Haltung gegenüber Frauen lassen wir uns da treiben? Welche Ängste verbergen sich eigentlich hinter unserer strikten Distanzierung von der femininen Maurerei, selbst im Cyberspace? Gibt es da vielleicht eine archaische Angst vor der starken Frau, gekoppelt mit der Vorstellung von ihrer kultischen Unreinheit, durch die der Mann beschmutzt wird, worauf dann sein steinzeitlicher Jagdzauber nicht mehr funktioniert? Mir scheint, da haben wir Männer noch ein gutes Stück Aufklärung nötig. Es geht nicht darum, nun in die Männerlogen partout Frauen aufzunehmen, aber die freimaurerisch arbeitenden Frauen haben es verdient, endlich als unsere Schwestern und gleichwertigen Gefährtinnen auf dem maurerischen initiatischen Weg anerkannt zu werden.

Anmerkung Freimaurergedanken:

Noch immer stelle ich eine große Skepsis bei einigen, meist älteren Brüdern gegenüber einer Frauenloge fest. Ich habe es sogar schon selbst erleben dürfen, dass sich eher konservative Brüder gegen die Aufnahme einer Frauenloge in ein Logenhaus gestellt haben und das, obwohl diese Frauenloge eine offizielle Loge der FGLD (Frauen-Großloge von Deutschland) ist. Selbst die Großloge AFuAM nimmt die Kontakte zur FGLD auf und arbeitet an gemeinsamen Konzepten und Veranstaltungen. Die Frauenlogen sind Teil und Mitglied der Forschungsloge Quatuor Coronati und leisten einen großen und interessanten Beitrag zu den gemeinsamen Veranstaltungen und Arbeitskreisen. So wie dem Br. Günter erging es mir auch in einer Diskussion über eine gemeinsame Arbeit im Tempel. Da wurde von konservativen Brüdern hinter vorgehaltener Hand etwas von „der Entweihung des Tempels“ geredet. Warum sollte so etwas sein? Weil die Damen den Staub und Dreck der letzten Jahrhunderte patriarchischer Männerlogen aus dem Tempel kehren, weil sie frische, moderne Winde beim Lüften einlassen würden? (bitte entschuldigt mir den Wortwitz mit typischen Klischees, liebe Schwestern)

Ich denke das im Jahr 2017 diese alten starren Formen der strikten Trennung der Vergangenheit angehören sollten und auch Brüder und Schwestern gemeinsame Ritualarbeiten abhalten und besuchen können. Wir müssen die angesprochenen Worte von Anderson aus den Alten Pflichten (wie schon oft angemerkt) zeitgemäß interpretieren und damit umgehen. Vor rund 300 Jahren war die Stellung der Frau in der Gesellschaft eine andere. Die Gesellschaft war von Patriarchen bestimmt und der Frau gestand man nur die Rolle der Mutter, Erzieherin der Kinder und Hausfrau zu. Somit lassen sich auch Andersons Worte rückblickend verstehen. Aber dies heißt nicht, meine lieben Brüder, dass wir dies wortwörtlich so einhalten und umsetzen müssen. Ich habe sehr eindrucksvolle Schwestern auf meinen Reisen kennenlernen dürfen und pflege gerne den Kontakt zu ihnen. Grenzen aufgrund des Geschlechtes zu ziehen halte ich für falsch und unangebracht. Es zeugt eher von mangelndem Selbstvertrauen in sich selbst und der Idee der Freimaurerei.

Wir, die wir uns in der direkten Nachfolge der Aufklärung sehen, wollen noch immer den Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit führen. Das schließt aber nicht per se 50% der weltweiten Bevölkerung aus. Es geht hier um den Menschen der uns als Baustein am Bau des Tempels der Humanität dienen soll, der eine bessere Welt erschaffen soll. Stellen wir uns doch alle einmal die Frage wie so ein Fundament oder der sich darauf befindliche Tempel aussehen wurde, wenn die Hälfte der Steine bewusst wegegelassen wären…

neue Bausteine Nr. 5b

Wieder einmal ist es mir gelungen, ein neues Dokument des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne im Antiquariat zu finden und zwar dieses mal in Quickborn.

Die „Bausteine“ waren gedacht als eine Art Lehrschrift für die Brüder des F.z.a.S. mit Gedanken, Ideen und Tipps. Br. Satow hat in den Bausteinen Nr. 5b eine erstaunliche Liste der empfohlenen Literatur für Brüder des Bundes erstellt.

Ich möchte sie euch nicht vorenthalten und wünsche viel Spaß beim Lesen. Natürlich findet ihr das Dokument auch in der Mediathek wieder.

Bausteine Nr. 5b

 

Freimaurertum und Gott – Eine Zusammenarbeit

Mein Br. Hagen aus Hamburg kam vor einiger Zeit auf die Idee, die Frage ob Freimaurertum einen Gottesbezug benötigt aus recht unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Dabei wurde unser Bruder Jürgen, als auch ich gefragt, ob wir unsere Ideen in einigen Zeilen mit ihm teilen würden.

Natürlich sind wir dem nachgekommen und ich möchte euch das Ergebnis (wer es nicht schon gesehen und gelesen hat) nicht vorenthalten.

Es zeigt deutlich die Vielfalt innerhalb der Maurerei und somit auch die Zerrissenheit an. Wir kommen aus den unterschiedlichen Großlogen und haben hierdurch alleine eine oft auch konträre Position. Nichtsdestotrotz sind es meine Brüder und ich respektiere ihre Meinung.

Viel Spaß beim Lesen und nachdenken….

 

Der Artikel von Hagen selbst:

https://hagenunterwegs.wordpress.com/2017/03/21/freimaurertum-benoetigt-spiritualitaet-und-gottesbezug/

der Artikel von Br. Jürgen Scheffler:

https://hagenunterwegs.wordpress.com/2017/02/05/freimaurerei-und-gott-wie-vertraegt-sich-das/

und meinen Artikel:

https://hagenunterwegs.wordpress.com/2017/02/19/wer-keine-angst-vorm-teufel-hat-braucht-auch-keinen-Gott/

 

„Wer keine Angst vorm Teufel hat – Braucht auch keinen Gott“ – Der Atheist

 

Ich stelle in letzter Zeit eine immer wiederkehrende Diskussion in den sozialen Netzwerken fest. Dabei kommt es vor, dass sich selbst Brüder Freimaurer mit ihren Kommentaren und Aussagen oft gegenseitig verletzen oder anzweifeln, wer denn „regulär“ ist und wer nicht.

Die Diskussion geht um die Frage: Können Atheisten Freimaurer sein? Und braucht es einen Gott in der Freimaurerei?

Ich möchte gerne die Antwort vorwegnehmen: Ja, können sie und auch sehr gute, denn ich durfte einige der Brüder auch kennenlernen oder/und bin mit ihnen befreundet. Und warum sollte ein Bruder, der Atheist ist, auch ein „schlechterer“ oder gar „irregulärer“ Bruder sein?

Die Alten Pflichten als Grundlage

In den alten Pflichten von Anderson heißt es:

„Von Gott und der Religion: Der Maurer ist durch seinen Beruf verbunden, dem Sittengesetz zu gehorchen, und wenn er seine Kunst recht versteht, wird er weder ein Atheist aus Einfalt noch ein religionsfeindlicher Wüstling sein. Aber obgleich in alten Zeiten die Maurer verpflichtet waren, in jedem Lande von der jeweiligen Religion des Landes oder der Nation zu sein, so hält man doch jetzt für ratsam, sie bloß zu der Religion zu verpflichten, in welcher alle Menschen übereinstimmen und jedem seine besondere Meinung zu lassen, das heißt, sie sollen gute und wahrhafte Männer sein, Männer von Ehre und Rechtschaffenheit, durch was für Sekten und Glaubensmeinungen sie auch sonst sich unterscheiden mögen. Hierdurch wird die Maurerei ein Mittelpunkt der Vereinigung und ein Mittel, treue Freundschaft unter Personen zu stiften, welche sonst in ständiger Entfernung voneinander hätten bleiben müssen.“

Hieraus entnehmen wir klar, dass Freimaurerei keine Religion ist, noch eine Festlegung auf eine besondere Religion fordert. Es legt aber auch klar fest, dass es um Wahrhaftigkeit, Ehre, Rechtschaffenheit und Freundschaft geht. Also immer noch nichts, was einen Atheisten nun ausschließen würde. Und wenn wir uns den Satz „Atheist aus Einfalt“ betrachten, schließt auch dies keinen Atheisten aus, auch wenn es auf den ersten Blick so scheinen mag. Denn der heutige Atheist hat sich sicherlich bewusst für diesen Schritt entschieden. Im Zeitalter der Wissenschaft und Aufklärung ist die Religion von diesen Bewegungen verdrängt worden. So auch in der modernen Freimaurerei mit seinen diversen Reform-Großlogen im frühen 20. Jahrhundert (z.B. F.z.a.S, oder Zur Sonne). Hier wurden die Dogmen der Religionen ausgeschlossen und verdrängt.

Religion in der alle Menschen übereinstimmen

Anderson sagt auch, dass der Freimaurer zu der Religion verpflichtet sei, in der alle Menschen übereinstimmen, nämlich der Ehre, Rechtschaffenheit und Freundschaft. Und dies ohne einen Verweis auf eine Konfession. Somit kann auch der Atheist ein vollwertiger Bruder sein. Gerade deshalb ist es heutzutage mehr als unangebracht ihn als „irregulär“ zu betrachten. Denn würde man der Argumentation dieser Brüder Glauben schenken (Zitat: „steht ja so bei Anderson, kein Atheist aus Einfalt“), so müsste man im Umkehrschluss ebenso sagen, dass es sich bei diesen Brüdern ebenso um irreguläre Brüder handelt, da sie sich ja an einer Religion, oder an einer Glaubensrichtung ausrichten. Und wiederum zu beweisen, dass dies die Religion ist, in der alle Menschen gleich sind, scheint eher unmöglich.

Daher scheint ein gegenseitiger Fingerzeig ebenso unangebracht wie eine andauernde Diskussion über die „wahre Freimaurerei“. Diese hat es nicht gegeben und wird es nicht geben. Aber es hat immer Brüder gegeben, die sich für die 5 Säulen der Freimaurerei eingesetzt haben. Den Kern der Freimaurerei machen Gleichheit, Toleranz, Freiheit, Humanität und Brüderlichkeit aus. Und auch hier kann man schnell erkennen, dass keine Religion im Spiel ist.

Warum also sollte ein Bruder, der bekennender Atheist ist und sich zu den 5 Grundsätzen der Maurer bekennt kein regulärer Bruder sein? Ich kann dies nicht erkennen. Er lebt nach den Grundlagen und achtet diese. Daher für mich ein Bruder wie jeder andere.

Baumeister für Atheisten?

Aber stellen wir uns kurz die Frage wie ein Freimaurer, der bekennender Atheist ist, mit dem Symbol des ABAW umgeht. Nun ja, der Baumeister kommt in den meisten Ritualen vor, aber es gibt auch Ausnahmen. In einigen wird das Symbol des ABAW mit keinem Wort mehr erwähnt. Aber das schwächt diese Rituale und die Arbeiten damit keinesfalls ab. Sie sind dennoch gleich tragend. Wenn nun ein Atheist eine christlich geprägte Loge besucht, dann kann er entweder an seiner Toleranz arbeiten und über dieses Sinnbild nachdenken, oder aber er kann auch das Symbol des Baumeisters anderweitig füllen. Ein Bruder, der sich der Wissenschaft verschrieben hat, sagte mir einmal, dass für ihn die Gravitation die treibende Kraft im Universum sei, die alles festhält und kontrolliert. Ein anderer sagte mir, dass für ihn die Liebe und die Liebe zum Mitmenschen das wichtigste und allumfassendste ist. Mancher setze für den ABAW sinnbildlich den jeweiligen Gott aus ihren Konfessionen und Religionen. Ich konnte mich mit den Gedanken und der Begründung aller Brüder anfreunden. Und alles waren reguläre Brüder…

Einheit in der Vielfalt

Unter der VGLvD, der Vereinten Großloge, sind die vielen Ausrichtungen und Ausprägungen der regulären Freimaurerei zusammengefasst. Hier findet sicherlich jeder Bruder oder interessierte Suchende eine passende Bauhütte. Fast wie der sprichwörtliche Deckel den Topf. In wie fern eine solche Institution und Großloge sinnvoll ist, darüber möchte ich nicht urteilen, da dies bereits andere getan haben. Aber es zeigt einen Weg auf, was alles reguläre Freimaurerei ist, dass man sich gegenseitig besuchen und an den Arbeiten teilnehmen kann, dass man auch gemeinsame Ziele hat.

Man sagt ja auch, eine Loge ist eine Gruppierung von Ungleichen. Und so ist es in der nächst höheren Gruppierung auch…Warum sollte eine Großloge hier anders sein. Auch hier haben wir so viele unterschiedliche Brüder. Aber wir sollten nicht vergessen, dass wir uns dies bewusst ausgesucht haben als wir den Schritt gegangen sind und Freimaurer wurden. Im Ritual hören wir immer, dass wir gemeinsam am Tempel der Humanität arbeiten. Und dann sollten wir mal zuhören und dies auch tun und uns nicht in Netzwerken die Zeit damit vertreiben, am Stein des anderen zu arbeiten und ihm unsere persönliche Sicht der Freimaurerei aufzudrücken. Somit bliebt mir nichts weiter zu sagen, als dass ich gerne meine Zeit mit den Brüdern weiterhin verbringe, die überzeugte Atheisten (mein Bruder Alex) sind, gläubige Menschen wie mein Freund und Bruder Hagen oder auch Menschen, die „nur“ dem christlichen Glauben verbunden sind. Ich sehe alle diese Brüder als gleichberechtigte Freimaurer an und reiche jedem gern die Hand. Auch wenn ich aus einer Reformloge abstamme.

Augen auf das Wesentliche

Leider wird auch, wie jüngst auf der Tagung der Freimaurerforschungsloge Quatuor Coronati geschehen, öffentlich von Brüdern anderer Großlogen geäußert, dass Atheisten in der Freimaurerei nichts zu suchen hätten und sie doch sich in anderen Gruppierungen wiederfinden sollten, aber nicht in der Freimaurerei. Schließlich müsse man sich überlegen Wem zu Ehren die Sakralbauten erbaut wurden.

Mal ehrlich, ist das nicht eine mehr als engstirnige Haltung? Klar mag es sein, dass die Kirchen und Klöster, welche die Bauhütten erstellt hatten, zu Ehren Gottes gewesen war. Aber man kann es auch so sehen, dass die Baumeister die neuesten Möglichkeiten der Technik und Wissenschaft angewendet hatten, um diese Bauwerke zu schaffen als Symbol des Sieges des Verstandes und der Technik über die Natur. Aber leider hat der betreffende Bruder, der diese Äußerung tätigte keine sinnvolle Begründung für seine Aussage liefern können. Viele unserer Brüder im Osten Deutschlands sind nicht getauft und evtl. noch auf der Suche. Sind sie denn keine wahren Maurer, keine guten Brüder? Nein, sie sind ebenso Freimaurer wie wir alle und haben sich bewusst für diesen Bund entschieden. Warum sollten wir also Brüder ausgrenzen, die Atheisten sind, aber wahre Freimaurer von Herzen sind? Sind das nicht genau die Bausteine, derer wir bedürfen für den Bau des Tempels der Humanität? Ich denke schon…

Freimaurerei – Eine Religion?

In der Diskussion um einen Gott in der Freimaurerei kommt auch oft die Meinung zu Tage, dass Freimaurerei eine Art Religion ist, oder zumindest ein Ersatz. Einige haben geschrieben, dass wir Freimaurer einen Transzendenzbezug haben, eine duale Komponente, einen Jenseitsbegriff und ein Fortbestehen nach dem Tode mit denen ein Atheist nichts anfangen kann. Dies sehe ich jedoch nicht so. Denn auch ein Atheist kann sich mehr als nur ein wenig damit anfreunden. Viele Atheisten, die ich kenne und auch gleichzeitig Freimaurer sind, haben einen starken Bezug zur Wissenschaft und Forschung. Gerade im Osten sind sehr viele Brüder zu finden, welche nicht getauft sind und ohne einen christlichen Glauben erzogen wurden. Selbst diese Brüder können diese Sinnbilder (und mehr sind es ja nicht, solange der Große Baumeister sich nicht selbst vorstellt!) füllen:

  • Transzendenz, der ABAW
  • Ist ein Sinnbild für etwas was über dem Menschen steht, sein Handeln und Denken beeinflusst. Für die einen ist es die Gravitation, für die anderen die Liebe, für den nächsten ist es der Gott in einem selbst.
  • Duale Komponenten
  • Gibt es im Bereich der Monisten und Logen die Gründerväter in diesem Bereich haben eher weniger.
  • Jenseitsbegriff und Fortbestehen nach dem Tode
  • Diese beiden gehen Hand in Hand. Selbst ein Physiker kann sagen, dass der ganze Körper aus Energie besteht und nach dem Energie Erhaltungsgesetz keine verloren geht. Somit wird sie auch nach dem Tod noch irgendwohin fließen. Das sehen sie dann als das Jenseits und Leben nach dem Tod. Aber wer weiß das schon. Diese letzte Reise treten wir alle einmal an.

Letztendlich ist es einfach wichtig einen Weg zu finden, diese Sinnbilder zu füllen. Und das können Atheisten genau so gut wie alle anderen Brüder.

Höhere Arbeit

Nach dem Tod wird der Freimauer zu „höherer Arbeit“ abgerufen, wie man so schön sagt. Für viele ist dies wieder ein Beweis, dass die Freimaurerei mit Atheismus nicht vereinbar wäre. Denn wer sollte den Maurer denn abrufen, wenn nicht ein Gott? Natürlich möchte ich hier auch in erster Linie sagen, dass die Natur und ihre Gesetze den Maurer (wie auch jeden anderen Menschen) abrufen. Wenn es Zeit ist zu gehen, dann wird genau dieses uns allen geschehen. Nun bleibt noch die Frage nach der „höheren Arbeit“, welche wir nicht abschließend beantworten können. Ist es denn so? Wie können wir dies beweisen? Solange wir hier keinen Beweis haben, bleibt nur unser Glaube, egal ob es sich hierbei um einen Atheisten oder gottgläubigen Menschen handelt. Somit liegt es auch im Ermessen des Einzelnen, diese Passage zu interpretieren.

Eine Frage der Anerkennung

Es wurde mir geschrieben, dass viele Logen wegen der Anerkennung die bittere Pille geschluckt haben und den ABAW aufnehmen mussten. Das ist so nicht korrekt. Denn die UGLoE (United Grand Loge of England) schreibt nur ein „supreme beeing“ vor. Das KANN der ABAW sein, muss er aber nicht. Hier muss der Freimaurer für sich eben dieses Sinnbild füllen und damit arbeiten. Dies kann eben, wie bereits erwähnt, auch ein Atheist. Was jedoch die UGLoE vorschriebt ist das Auflegen der Bibel. Das ist ja wiederum nicht schlimm, da in vielen Logen ohnehin mehrere Bücher aufgelegt werden, gerade wegen Brüder anderer Religionen oder eben auch Atheisten. Auch wir mussten zur Anerkennung die Bibel auflegen, haben aber auch das weisse Buch dort liegen, weil es die Tradition unserer Bauhütte so vorsieht und dies die GL AFuAM genehmigt hat. Was die Regularität angeht muss ich mich schon sehr über die Bemühungen einiger Großlogen wundern, als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts und damit faktisch analog einer Religion anerkannt zu werden. Dies widerspricht in allen Grundsätzen den Vorgaben der UGLoE. Freimaurerei darf KEINEN Bezug zu einer Religion haben. Daran sollten wir uns wieder vermehrt halten.

Fazit

Wir sind alt geworden und die Spinnenweben der Geschichte kreisen um uns. Das müssen wir massiv ändern. Warum wohl sind wir im Vergleich zu anderen Ländern nicht so viele Brüder? Weil die Freimaurerei uninteressant wird für eine junge Generation, welche nachkommen muss. Ja, es gibt immer welche, die diesen Lebensstil suchen. Aber wir müssen neue Reformen durchsetzen und uns mehr in der Öffentlichkeit positionieren, ohne dass die Deckung einiger Brüder aufgegeben werden soll. Es muss der nötige Spagat zwischen der Moderne und der Tradition geschaffen werden. Wir müssen nicht so radikal dabei vorgehen wie es früher schon einmal versucht wurde (wie durch den F.z.a.S.), aber den Tatsachen ins Auge sehen und uns moderner Aufstellen. So schaffen wir eine blühende Freimaurerische Kultur. Auch innerhalb der VGLvD mit ihren verschiedenen Ausprägungen. Denn hier müssen die Streitigkeiten über die Regularität oder Irregularität aufhören und man sollte erkennen, dass hier eine „Einheit durch Vielfalt“ herrscht. Und das lässt uns wachsen und stark wirken.

Ich schätze sehr die Zeit mich euch allen. Mit jedem meiner Brüder, seien sie gläubige Christen oder auch überzeugte Atheisten. Ich schätze das offene Wort und den Gedankenaustausch…Eben weil uns ein Gedanke und 5 Werte und Normen miteinander verbinden…ein Hoch auf uns!

 

 

 

Freimaurer Gräber – Teil 4

Liebe Leserinnen und Leser,

vor ein paar Tagen bekam ich eine nette Email von meiner Schwester Marita.
Auf ihren Reisen fand sie ein paar schöne Freimaurer Gräber und stellt uns hier ihre Fotos zur Verfügung. Sie wünscht den Leserinnen und Lesern viel Spaß beim Anschauen…
Anbei die Liste der Friedhöfe:

– Lissabon: Friedhof Prazeres
– Florenz: San Miniato al Monte
– Rom: Basilika Santa Maria di Sopra Minerva

Vielen Dank liebe Marita

Memento Mori und Carpe Diem in 24 Zoll

Liebe Leser,

schon lange spiele ich mit dem Gedanken, diese Webseite für die Gedanken und Ideen weiterer Autoren zu öffnen, um mehreren Brüdern und Schwestern die Möglichkeit zu geben, ihre Gedanken und Texte hier zu veröffentlichen. Falls Interesse besteht, so kann man sich über den Kontakt bitte melden.

Wieder einmal möchte ich einen Artikel von einem Freund vorstellen. Mein Bruder A.P. (mir persönlich bekannt) von der Loge zu den Drei Pfeiler i.O. Nürnberg Nr. 164) stellt uns seine Gedanken in einem kurzen Artikel vor.

Lasst euch überraschen…

 

Memento Mori und Carpe Diem in 24 Zoll

Das freimaurerische Ritual spricht alle Lebensbereiche, Lebensabschnitte, Verhaltensweisen und Beziehungsgefüge des menschlichen Daseins an und, für viele aber nicht alle Freimaurer, auch darüber hinaus. Darin liegt seine zeitlose Stärke. Eine weitere Stärke ist, dass die Symbole und rituellen Handlungen in ihrer Gesamtheit selbst ein ganz zentrales Werkzeug sind. Mit ihrer Hilfe verfügen Freimaurer weltweit über eine gemeinsame Ebene und Sprache, auf der man sich über die so unterschiedlichen Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken austauschen können, in der sie sich, Unterschiede und den eigenen Lebenswandel verständlich machen können. Es geht der Freimaurerei also eben nicht um „symbolisches Arbeiten“, was man ja eher in so manch anderem Kontext erleben darf, sondern um die Arbeit mit Symbolen und den weltweiten Austausch über diese Arbeit an sich selbst, dem Verhältnis zu unserer Umwelt und der Gesellschaft als Ganzes durch eben jene Symbole.

Was bedeutet das Symbol oder symbolische Werkzeug für mich im Alltag? Habe ich mir eine Methode zurecht gelegt, damit verbundene Fragen (oder Aufgaben?) in meinen Tagesablauf, in die Woche zu integrieren? Was sind Schwierigkeiten, Rückschläge, besonders schöne Erfolgsmomente? Was bedeutet mir das Symbol in meinem Leben? Wo hilft mir der brüderliche Austausch? Ja, darüber sprechen Freimaurer (auch).

Eines dieser Symbole ist der vierundzwanzigzöllign Maßstab, ein Symbol für die Zeit, genauer: die Zeit, die jedem Menschen zur Verfügung steht. Zunächst ist ein Maßstab keine Uhr. Er steht für eine andere Form von Zeitverständnis und Zeiterleben. Während die Uhr zyklisch ist, ist der Maßstab linear. Die Uhr repräsentiert wie der „Ewige Kalender“ die von uns unabhängige Zeit. Wie der Maßstab ist aber unsere Wanderung durch das Leben endlich, während der Sonnenlauf sich weiter dreht. Irgendwann halten wir im linearen Voranschreiten in der Zeit alle ein letztes Mal an. Und so oft wir an bekannten Punkten wieder in den großen Zyklen der Natur oder der menschlichen Gesellschaft anzukommen meinen, so sehr verändern wir uns auf unserem linearen Weg und erleben diese kein zweites Mal mit den gleichen Augen. So gesehen kann der 24zöllige Maßstab als ein erstes Memento Mori innerhalb der Freimaurerei verstanden werden: „Teile deine Zeit mit Weisheit ein, denn sie ist endlich“.

Hans-Hermann Höhmann hat einmal drei verschiedene freimaurerische „Symbol- und Ritualwelten“ identifiziert: die des Lichts, der Wanderung und der Arbeit. Während die Endlichkeit unserer eigenen Wanderung uns bereits zu einer sinnvollen Nutzung ermahnt, ist der Maßstab im Zusammenspiel mit den anderen Werkzeugen ein Symbol dafür, unsere Zeit als denkender, am Selbst-Erkennen und der Fortentwicklung der eigenen Lebensführung arbeitender Mensch einzuteilen. Dabei sollen unserer Pflichten gegenüber uns selbst, unserer Familie, dem Beruf, der Loge und unserer Umwelt handlungsleitend sein. Die Endlichkeit des Maßstabes hält uns zudem zur Mäßigung, zum „Maß halten“ an; und dazu, den eigenen Eifer mit planerischer Beharrlichkeit zu untermauern, wenn er nicht vergebens sein will: „Habe den Mut und die Beharrlichkeit, um deine Zeit mit Weisheit zu nutzen, denn sie ist endlich“.

Teilzeit-Toleranz

toleranz

„Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Umgangssprachlich ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung gemeint, die jedoch über den eigentlichen Begriff („Duldung“) hinausgeht.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz

Toleranz ist eine der 5 Grundsätze der modernen Freimaurerei. Sie dient uns als Grundlage für einen brüderlichen und schwesterlichen Umgang untereinander, aber auch über die Grenzen der Logen hinaus.

Was aber nun, wenn diese Toleranz eher auf dem Papier steht und selten ausgelebt wird? Dürfen wir dann nicht von der „Teilzeit- Toleranz“ sprechen?

Toleranz über die Obödienzen hinaus

In der Freimaurerei stellen wir leider allzu oft den menschlichen Faktor fest, welcher gerade zu Intoleranz führt. Es gibt in den sozialen Netzwerken Foren von Freimaurern in denen Brüder, welche sich als Agnostiker, Atheisten oder gar Antitheisten bekennen, als irregulär gebrandmarkt werden. Andersherum wird auch den Anhängern des Freimaurer Ordens mit ihrem Bekenntnis zu Jesu Christi die gleiche Irregularität vorgeworfen, da ja eigentlich die Freimaurerei keinen Bezug zu einer Religion haben darf. Wenn wir diese Diskussionen verfolgen oder uns sogar an ihnen beteiligen, so müssen wir uns oft ernsthaft die Frage stellen, was wir an Toleranz nicht verstanden haben. Wir sind alle Brüder in der Vereinten Großloge von Deutschland und haben hierbei unsere Loge gesucht und gefunden. Durch die Vielfalt in der VGLvD kann jeder nach seinen Interessen seine Bruderschaft finden. Somit sollten wir also an unserer Toleranz arbeiten und die Brüder anderer Großlogen ebenso als regulär anerkennen, wie wir es auch für uns erwarten.

Toleranz für Mitmenschen

Oft muss man leider feststellen, dass die Toleranz auf der Strecke bleibt, wenn es um unsere Mitmenschen geht. Da werden schnell Vorurteile gefällt und Menschen in Schubladen gesteckt. Tolerant sein ist dann eine Modeerscheinung, wenn es gut passt oder bequem ist. Da werden den Hilfsorganisationen, welche sich um Flüchtlinge kümmern, finanziell geholfen, aber wenn dann die Turnhalle besetzt ist und das abendliche Fußballtraining ausfallen muss, dann ist die Toleranz auch schon wieder weg. Man hat ja schließlich schon geholfen.

Toleranz für unsere Schwestern

Mangelhafte Toleranz stelle ich auch oft von Brüdern gegenüber den Schwestern der Frauengroßloge fest. Sie werden als irreguläre Schwestern abgetan oder als „nette Gruppierung“. Aber ist es im Jahr 2017 wirklich ein freimaurerischer Gedanke, diese Art von Sexismus und Diskriminierung gegenüber Frauen zu haben? Ich denke nicht. Die Schwestern folgen den gleichen hohen Zielen und Idealen der königlichen Kunst, wie auch wir Brüder. Aber gerade hier sieht man auch die „Teilzeit-Toleranz“ einiger Brüder am deutlichsten: Die Clubabende der Damen werden zwar gern gesehen und sich mit Frauenlogen im Logenhaus geschmückt, aber wenn es zu Tempelarbeiten oder sogar zu Gemeinschaftsarbeiten kommen soll, wird hier von der abstrusen Idee von der „Entweihung des Tempels“ gesprochen und rigoros abgelehnt. Jedoch ist so eine Ausgrenzung nach 300 Jahren Freimaurerei nicht mehr zeitgemäß und unangebracht.

Sichtweise auf die Toleranz

Man muss sich in Toleranz üben und auch bereit sein, die Sichtweise zu ändern. Was für den einen tolerant sein bedeutet ist für den anderen Menschen evtl. schon Normalität. Wann wir etwas tolerant sind, kann nicht allgemeingültig definiert werden und liegt im Auge des jeweiligen Betrachters. Die Sichtweise auf Toleranz ist hier ein fließender Prozess. Ändern wir unsere Sichtweise über einen bestimmen Vorfall oder Grund, den wir toleriert haben, so kann dies dann in unsere allgemeine Einstellung übergehen.

Keine Toleranz, auch keine Teilzeit-Toleranz

Toleranz, egal in welcher Ausprägung und Form, kann auch völlig fehl am Platz sein. Der Maurer wird im Ritual aufgerufen in die Welt rauszugehen und sich als Freimaurer zu bewähren, dem Unheil nie den Rücken zuzudrehen. Bei Misshandlungen von Schutzbedürftigen, Kindern und Diskriminierung dürfen wir nie und niemals auch nur den Hauch einer Toleranz zeigen oder auch nicht wegsehen. Dem Schwachen zu helfen haben wir alle geschworen und uns für ihn einzusetzen. In jeder Ritualarbeit werden wir erneut daran erinnert. Das macht unsere ethische Geisteshaltung, was die moderne Freimaurerei nun einmal ist, aus.

Vorurteile und Teilzeit-Toleranz

Es ist an uns, am eigenen Stein zu arbeiten und uns in Toleranz zu üben und die Herausforderung anzugehen, nicht in Vorurteile zu verfallen. Vorurteile sind es, die unserer alltäglichen Toleranz und Akzeptanz im Wege stehen. Wir fallen sie unbewusst, schnell und oftmals ohne böse Absicht. Wir beurteilen unser Gegenüber anhand von einem vorgefertigtem oder von außen geprägtem Bild und denken zu sehr in Schubladen. Diese Einteilung macht jeder Mensch und stellt per se kein grundsätzliches Problem dar, außer, wenn diese geistige Gruppierung auf Vorurteilen und nicht auf Fakten basiert. Hier sind wir alle aufgefordert uns nicht blind leiten zu lassen oder zu glauben was uns von außen herangetragen wird. Hier heißt es zu reflektieren und nachzuvollziehen warum ich dieses Urteil über jemanden anderen gefällt habe. Ob wir jemanden wortwörtlich riechen können, entscheiden wir Menschen über unsere Nase und Botenstoffe, ob wir jemanden sympathisch finden, anhand des ersten Eindrucks. Dies alles geschieht innerhalb von Sekunden und es dauert ein vieles länger, den Menschen aus der Schublade wieder herauszunehmen.

Toleranz und Gelassenheit

Wo genau liegt der große Vorteil, wenn wir uns in Toleranz üben? Hierbei kommt die Gelassenheit an erster Stelle. Sich in Toleranz üben heißt auch Gelassenheit für sich zu entwickeln, gelassen gegenüber einigen Einflüssen zu sein. Wir werden uns weniger über etwas Unnötiges aufregen, Zeit und Anstrengung verschwenden in Dinge, welche wir zum einen nicht mehr beeinflussen können oder ohnehin nicht für so bedeutungsvoll sind, wie sie auf dem ersten Blick erscheinen. „Aus jedem Tag das Beste zu machen, das ist die größte Kunst“, sagte schon der Philosoph und Schriftsteller Henry David Thoreau. Ist es hierbei gerade nicht von großem Vorteil, wenn man seine Lebzeit nutzt und daraus das Beste macht und nicht in Vorurteilen, Intoleranz und damit in Unruhe und Stress versinkt? Gerade die Gelassenheit geht doch Hand in Hand mit einer der wichtigsten Meistertugenden in der Freimaurerei, der Geduld. Geduld kann ich nur entwickeln und verstärken, wenn ich die nötige Gelassenheit mitbringe. Alleine die Gelassenheit wäre ein eigener Artikel wert.

Persönliches Fazit

Wenn wir also die Teilzeit-Toleranz und die Intoleranz, basierend auf Vorurteilen überwinden, kommen wir der Idee der Toleranz als Grundsatz der Freimaurerei immer näher und somit haben wir uns bemüht, dieses Ziel zu erreichen. Gelassenheit führt uns auf direktem Weg zur Geduld und verbessert den mitmenschlichen Umgang.

Ich selbst kann mich leider auch nicht aus diesen Gedanken herausnehmen, auch ich arbeite weiterhin an meinem rauen Stein, an meinem Ich. Geduld und Gelassenheit ist leider nicht wirklich meine größte Tugend und bedarf täglich an Nachbesserung. Ich ertappe mich immer wieder, wie ich gegenüber meinen Mitmenschen oder auch Brüdern wenig Toleranz an den Tag lege. Ich höre dann in diesen Situationen oftmals Sätze wie „Heute bist du wieder mal Freimaurer mit Teilzeit-Toleranz“. Natürlich fühle ich mich dann dabei ertappt, muss aber auch lachen und gelobe Besserung. Aber gerade diese Worte haben mich über die Toleranz etwas nachdenken lassen….

Überdenken wir unser Verhalten innerhalb der Loge, gegenüber unseren Brüdern und Schwestern aber vor allem gegenüber unseren Mitmenschen in der profanen Welt. Hämmern wir noch etwas am Stein…ich fange mit mir selbst an…

AUDI – VIDE – TACE

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Einleitung

Die Worte Audi, Vide, Tace, also höre, sehe und schweige ist nicht nur das Motto des Inlandsdienstes der Tschechei, sondern auch einer der typischen Sinnsprüche der Freimaurerei. Dies ist so prägend, dass er auf dem Gebäude der Vereinten Großloge von England (UGLoE) verewigt wurde.

Zuhören und sehen und danach über das Erfahrene schweigen sollen nicht nur die Lehrlinge (welche dies durchaus noch erlernen müssen und vieles neues erfahren werden), sondern auch die Gesellen und Meister. Gerade das dauerhafte Lernen und Erlernen ist ein wichtiges Kriterium in der Freimaurerei. Nur wer lernt und sich weiter erkennt, kann auch an sich arbeiten.

Gerade das Lernen und das Erfahren geschieht bei Menschen über seine Sinne. In der Freimaurerei sind alle vertreten und alle Sinne werden auch angesprochen. Jedoch sind sicherlich das Sehen und Hören und somit auch das damit verbundene aufnehmen von Informationen die wichtigsten Sinne. Diese werden mehrfach und auch auf unterschiedliche Weise angesprochen. Abgerundet wird es dann vom Schweigen, in dem wir das uns Anvertraute nicht nach außen tragen.

Betrachten wir die einzelnen Aspekte einmal für sich und die Freimaurerei:

Audi – Vom Hören

Das Zuhören in der Loge ist ein wesentlicher Bestandteil der gemeinsamen brüderlichen (oder schwesterlichen) Abenden. Nicht nur in den Rituellen Arbeiten im Tempel ist der Bruder dazu aufgefordert dem Redner zu lauschen und dessen Ideen und Gedanken zu reflektieren. Hier kann sich der Maurer völlig fallen lassen und seine Gedanken um die Worte des Vortragenden kreisen lassen. In der Stille arbeitet er (oder sie) an den eigenen Gedanken, welche darauf entstehen.

Zuhören in der Loge

Noch wichtiger ist das Zuhören in den Vortragsabenden mit Aussprache. Hier gilt es gewissen Regeln für den Gedankenaustausch (eine freimaurerische Art der Diskussion) zu befolgen. Der Redner hat das Wort exklusiv und wird nicht unterbrochen. Es werden auch nicht die Meinungen der Brüder gewertet. Somit ist jeder aufgefordert (der sich beteiligen möchte) seine Ideen und Gedanken zu dem vorangegangenen Vortrag beizusteuern. Die anderen Teilnehmer sind in der Position des Zuhörers. Man lässt also das Wort und die Meinung des anderen wertfrei zu und zeigt mit dem Zuhören auch seinen Respekt gegenüber den Brüdern. Somit sollte auch keine Diskussion entstehen, sondern ein sogenanntes brüderliches Gespräch, da eben eine Diskussion die Worte des Einzelnen bewertet.

Zuhören als Tugend

Das „sich selbst zurücknehmen“ und damit ein Schweigen (was wir noch ausführlich betrachten werden) und aktives Zuhören, sollte in den Lehrjahren eines Freimaurers gefördert werden und dann auch eine gewisse Tugend bedeuten. Die Kontrolle über sich selbst, wenn man am liebsten hinausschreien oder widersprechen würde ist eine der schwierigsten Aufgaben eines Maurers, da es nur allzu menschlich ist, Widerworte zu geben, wenn uns etwas gegen den sprichwörtlichen Strich geht. Hat der Bruder (oder die Schwester) dies einmal für sich selbst gelernt, kann diese Eigenheit, des „Aktiven Zuhörens“ auch in anderen Lebenslagen von großem Nutzen sein. Denken wir einmal an Besprechungen oder Meetings innerhalb des beruflichen Umfeldes. Oder sogar an Treffen und Abstimmungen mit Kunden. Hier wird man schnell feststellen, dass zuhören und sich selbst auch zurückzunehmen einen neuen Umgang untereinander schafft, sogar bis zu einem verbesserten Umgang mit Kunden. Aber auch in der kleinsten Gemeinschaft, der Partnerschaft oder Familie kann es mehr als nützlich sein, sich auf sein Gegenüber einzulassen und ihm/ihr zuzuhören. Hier können die Ideen des „Hörens, Sehens, Schweigens“ durchaus einen nützlichen Bestandteil bilden und oftmals auch neue Blickwinkel auf die Meinung des Partners zulassen.

Zuhören als Reise vom Lehrling zum Meister

Die Aufgabe des Lehrlings auf seinem Weg zum Meister ist das aktive Studium des eigenen Ichs. Das „Erkenne dich selbst“ und die damit verbundene Arbeit am rauen Stein, am eigenen Ich, bildet den Weg, den der Maurer für sich gehen muss. Hierbei muss er als Geselle auch reisen und Erfahrungen sammeln, andere Logen besuchen und auch hier Eindrücke erfassen und zuhören. Aber auch das Gespräch mit seinem Bürgen, der ihn durch diesen Weg hin begleitet, ist vom Zuhören geprägt. Denn dieser sollte mit ihm über seiner Entwicklung als Freimaurer sprechen, seine Entwicklung reflektieren und ihn auf dem rechten Weg halten. Hierfür muss der Bruder auch zuhören und die Worte in sich wirken lassen können.

Der junge Maurer hört aber auch Dinge, bekommt Symbole und Sinnbilder erklärt und muss versuchen diese zu erfassen und in seinen bisher gelernten maurerischen Horizont zu bringen. Er muss sich auf diese Sinnbilder einlassen und den Worten der erklärenden Brüder mit der nötigen Aufmerksamkeit lauschen. Sollte aber der Informationsgehalt zu viel sein, so kann man sich immer noch auf die nächste rituelle Tempel Arbeit vertrösten, den oftmals werden die Symbole und Sinnbilder wieder und wieder in den sogenannten „Werkslogen“ erklärt und erläutert.

Vide – vom Sehen

„Als visuelle Wahrnehmung (von lateinisch videre ‚sehen‘) bezeichnet man in der Physiologie die Aufnahme und Verarbeitung von visuellen Reizen, bei der über Auge und Gehirn eine Extraktion relevanter Informationen, Erkennung von Elementen und deren Interpretation durch Abgleich mit Erinnerungen stattfindet. Somit geht die visuelle Wahrnehmung weit über das reine Aufnehmen von Information hinaus.“ (aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Visuelle_Wahrnehmung)

Mit den Augen sehen ist sicherlich einer der wichtigsten Sinne, die wir Menschen haben. Das Sehen ist ein fester Bestandteil einer jeden rituellen Arbeit, da der Mensch über alle Sinne seine Wahrnehmung schärft. Uns werden Zeichen und Symbole vermittelt, deren tiefere Bedeutung wir oftmals erst im Laufe der Jahre erkennen und verstehen.

Sehen im Tempel

Interessenten an der Freimaurerei kennen sicher alle die historischen Bilder, welche eine Aufnahme in die Bruderschaft darstellen, bei der dem Neuaufzunehmenden oder Neophyten die Augen verbunden sind. Dies dient nicht nur der Sicherheit der Brüder, welche unerkannt bleiben wollen und sich nur dem Bruderkreis offen zeigen, nein die Augenbinde hat auch einen symbolischen Charakter im Tempelraum. Der neu aufzunehmende Bruder wird mit verbundenen Augen in den Tempelraum eingeführt. Dieses symbolische „Nicht-Sehen“ soll dem Suchenden vor Augen führen (merkt ihr die Ironie an dem Satz J), dass er sich bisher nicht sehend durch die Welt bewegt hat und das Licht sucht. Er sieht den Bruderkreis vor dem Abnehmen der Binde nicht und muss sich diesem blind anvertrauen, wenn er aufgenommen werden möchte. Nur jemand, der seinen Brüdern blind vertrauen würde, der kann auch von der Gemeinschaft angenommen werden. Vertrauen aufeinander bildet hier eine der wichtigsten Grundlagen der modernen Freimaurerei.

Ziel dieser Handlung ist es, ihm das Augenlicht wiederzugeben und ihn sehend zu machen. Er soll seine neue Wirklichkeit erfassen und seine Augen und somit auch seinen Geist für neue Dinge öffnen.

Der Prozess des Sehens

Mit der Öffnung der Augen und dem Entfernen der Binde beginnt der Prozess des Sehens und Erfassens von Symbolen und Sinnbildern, wie sie in der Freimaurerei üblich sind. Er muss die Zeichen und vor allem die Bedeutung lernen, wie sie seit vielen Hundert Jahren vermittelt und weitergegeben werden. Diese dienen der winkelgerechten Lebensführung und der Verbesserung seiner ethischen Haltung, seines ethischen Handelns und seines rauen Steins.

Sehen im sozialen Umfeld

In der Abschlussansprache des Stuhlmeisters einer jeden rituellen Arbeit werden die Brüder konkret aufgefordert, niemals wegzusehen und Not und Leid den Rücken zuzukehren: „[…] Wehret dem Unrecht, wo es sich zeigt, kehrt niemals der Not und dem Elend den Rücken, seid wachsam auf euch selbst. […] Dies wiederum ist keine Aufforderung für den Tempel alleine. Sie zeigt, dass der Bruder Freimaurer im profanen Leben die Augen aufhalten und einschreiten soll. Dies muss nun nicht gleich Aufgaben umfassen wie Kriege zu stoppen, aber sich zumindest für eine humanitäre Lösung von Leid und Konflikten einzusetzen oder seine Meinung zu beziehen. Auch in kleinem Rahmen sollte dies ein Muss ein. Nicht wegsehen, wenn auf offener Straße Unschuldige angegangen werden, nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht. Immer wachsam sein und die Augen für die Gefahren dieser Welt offenlassen. Die Augen wurden dem Bruder ja mit der Aufnahme geöffnet, nun muss er sie auch lernen im realen Alltag offen zu halten.

Tace – Vom Schweigen

Ist es nicht in einer so geschwätzigen Zeit, mit Twitter, Facebook und den anderen sozialen Netzwerken, eine gewisse Tugend, wenn man einfach schweigen kann? Wenn man die Ruhe sucht und diese zu schätzen lernt? Gerade diese Ruhe schafft eine gewisse Entspannung, welche dazu dienen kann, die leeren Batterien wieder aufzutanken.

Schweigen bei den Hochgraden

Im alten und angenommenen Schottischen Ritus finden wir ebenso Hinweise auf das Schweigen per se. Der 4. Grad, also der Grad in den man in den AASR aufgenommen wird, ist der Grad des „geheimen Meisters“. Dieser Meister hat sich vor allem durch „das Schweigen“ auszuzeichnen. Diese Meistertugend gilt es also auch in den Hochgraden zu erlernen und zu pflegen. So wie jeder Meister, egal in welchem Grad oder Hochgrad immer auch ein Lernender ist, muss er sich auch weiterhin gerade in dieser Tugend üben.

Schweigen nach außen

Aber warum schweigen die Freimaurer denn vor Außenstehenden, sind sie sogar ein Geheimbund? Unsere Satzungen kann man offen lesen und da eine Freimaurerloge wie ein Verein aufgebaut und strukturiert ist, kann man auch die Vorsitzenden, also den sogenannten Meister vom Stuhl namentlich kennenlernen. Zudem betreiben die meisten Logen durchaus informative Webseiten oder Foren um Interessenten und Suchenden eine geeignete Plattform zu bieten. Selbst ihr, meine Leser habt meinen Blog gefunden und könnt über Freimaurerei einiges erfahren. Daher denke ich es wäre unangebracht von einem Geheimbund zu sprechen. Was jedoch stimmt ist (und ich möchte hier gern ein Zitat von Dan Brown verwenden) dass Freimaurer „ein Bund mit Geheimnissen sind“.

Gerade diese Geheimnisse, geheime Zeichen und Worte, grenzen uns von den Außenstehenden ab und lassen eine Bruderschaft entstehen, welche auf die gleichen Werte und Ideale baut. Wir schweigen nicht um etwas zu verheimlichen oder wie oft behauptet wird um „die Welt zu erobern“, sondern einfach um die Gedankenwelt der Freimaurerei von Außenstehenden abzugrenzen. Einer außenstehenden Person sind oft die Zeichen und die Symbole der Freimaurer unverständlich und auch die Gedankenwelt mag fremd erscheinen.

Zudem ist es denn so ungewöhnlich? Wir Freimaurer verstehen uns als Brüder. In einer Loge kann und soll auch offen miteinander und untereinander kommuniziert werden. Da ist es mehr als verständlich, wenn diverse Interna nicht nach außen getragen werden. Das eigentliche „freimaurerische Geheimnis“ ist eher die Frage an jeden Einzelnen, was Freimaurerei für einen selbst ist und wie es erlebt wird. Das Geheimnis der Freimaurerei muss jeder Maurer für sich selbst entdecken. Somit ist Freimaurerei eher etwas Egoistisches und schwer zu beschreiben. Würde man 30 Maurer nach dem Geheimnis fragen, so würde man auch 30 unterschiedliche Antworten bekommen. Was wiederum auch einer der Gründe ist, warum sich Menschen in eine Loge begeben…eben diese Vielfalt an Ideen, Gedanken und Interessen. Dieser Austausch bereichert einen selbst.

In früherer Zeit war die Wahrung der Geheimnisse noch viel dringender als heute. Früher, als es noch die Bauhütten gab und die Kirchen und Kathedralen gebaut wurden, konnten die wenigsten Lehrlinge und Gesellen lesen. Daher wurden die Symbole ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit. Auch die Zeichen und Worte wiesen den jeweiligen Status des einzelnen aus, nach welchem er auch seinen Lohn bekam. Kannte man die entsprechenden Zeichen und Worte und wusste um die Symbolik in dem jeweiligen Grad, so konnte man frei umherziehen und sich dort niederlassen wo man Arbeit fand. Man musste sich nicht durch ein Dokument ausweisen, sondern konnte dies tun ohne ein Schriftstück zu haben.

Man kann viel darüber reden, diskutieren und spekulieren warum es Logen gibt, die sich wenig öffnen und andere eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit haben. Ich denke das muss jeder für sich selbst wissen, ob er sich öffentlich dazu bekennt. Was jeder Maurer aber unbedingt sein muss ist verschwiegen. Es gilt nach wie vor die Loge nach außen zu schützen und die Geheimnisse zu bewahren.

Vom Schwiegen in der Loge

Gerade in dieser eher ruhelosen und stürmischen Zeit, ist Ruhe und damit Verbunden das Schweigen eine der wichtigsten Güter. Gerade in einer Loge und vor allem zu den Tempelarbeiten suchen die Brüder und Schwestern die Ruhe auf. Hierbei ist es also mehr als verständlich, wenn die Brüder auch dazu aufgerufen werden, ihre Handys auszuschalten. Dem Alltag entfliehen und sich völlig fallen lassen in diese meditative Arbeit. Zudem hat es auch mit einem gewissen Respekt zu tun, wenn man sich auf die Tempelarbeit mit den Brüdern/Schwestern komplett einlässt und den Worten des Bruders Redner lauscht.

Aber nicht nur während einer rituellen Arbeit ist Schweigen ein wichtiges Gut. Auch im Umgang der Brüder untereinander geht es um das Bewahren von Anvertrautem. Wenn mir ein Bruder etwas in einem brüderlichen Gespräch anvertraut und ich ihm auf Maurer-Wort schwöre, dies für mich zu bewahren, so sollten wir doch hierüber Schweigen und dieses Geheimnis wahren. Dazu gehört auch, dass persönliche Emails und Nachrichten nicht ohne Wissen des Absenders an neue Adressaten weitergeleitet oder versendet werden sollten. Der Maurer muss sich auf die Tugendhaftigkeit seines Bruders verlassen können, denn genau dies macht diese jahrhundertealte Bruderschaft mit aus.

Ebenso ist schweigen und auch das Zuhören angebracht im Rahmen eines brüderlichen Gespräches oder Vortragsabend. Hier lässt man den Bruder ausreden und wertet seine Aussage nicht. Der gegenseitige Respekt zählt, auch wenn er in einer sehr hitzigen Diskussion leider auch einmal von dem ein oder anderen vergessen wird.

Fazit

Zusammenfassend muss man sagen, dass diese drei Grundlagen Sehen, Schweigen und Hören nicht nur in der Freimaurerei die Grundlage für ein sinnvolles Gespräch sowie den Prozess des Lernens sind, sondern grundsätzliche Aspekte im mitmenschlichen Umgang. Sich gegenseitig zuhören und ausreden lassen ist Bestandteil jeder Beziehung.

Wir wollen uns alle respektieren, einander zuhören, uns gegenseitig unterstützen, motivieren – eine Gemeinschaft sein und das Tag für Tag. So fängt es in der kleinesten Einheit, der Partnerschaft und Familie an, geht über das berufliche und soziale Umfeld und kann zu einer umfassenden Gemeinschaft führen, wie es die Freimaurer für sich seit Jahrhunderten anstreben.