Serie über die Meistertugenden – Teil 1: Schweigsamkeit

Die Verschwiegenheit ist auch mit Schweigsamkeit zu deuten, denn „nur wer sich in der Stille übt, kann die innere Stimme wahrnehmen“. Das kann man nun unterschiedlich auslegen und deuten.

Während der Clubabende

Der Maurer muss während der Clubabende sich in Geduld üben und Ruhe bewahren. Der Bruder, der während des Gedankenaustausches das Wort vom MvSt erhalten hat, hat es exklusiv und darf seine Gedanken der Bruderschaft vortragen. Die Brüder nehmen sich zurück und hören den Ausführungen zu. Natürlich hat auch der Bruder, der den Vortrag (die sog. Zeichnung) an dem Abend hält, ebenso das Wort exklusiv und die Zuhörer halten sich zurück und stören nicht durch Zwischenrufe oder Bemerkungen. Nein, sie schweigen. Also ist im Rahmen eines Clubabends Schweigsamkeit unerlässlich. Denn nur wenn man die nötige Ruhe gefunden hat und zuhören kann, dann kann auch der Geist frei arbeiten und verstehen, was hier gesprochen wurde und anfangen seine eigenen Gedanken zu entwickeln. Diese Ruhe hat eine meditative Wirkung auf den einzelnen und hilft einem selbst, in den Vortrag zu finden. In manchen Logen ist es durchaus üblich, dass an einem brüderlichen Gespräch nur die Brüder im Meister Grad mitsprechen dürfen und die Lehrlinge und Gesellen dadurch lernen sollen. Ich selbst stehe diesem Brauch eher kritisch gegenüber. Denn ich denke auch die Ideen und Gedanken eines Lehrlings oder Gesellen können die Rune bereichern. Und wenn sich die Maurer schon auf der Winkelwaage, also gleichberechtigt begegnen sollen, warum dann hier einen Bruch mit dieser Tugend zulassen? Lernen wir doch eher wieder da hinhören…

Während der Rituale

Aber auch während einer Ritualarbeit, einer Tempelarbeit, sollte der Maurer schweigen und sich auf das Ritual einlassen. Wie schon in einem früheren Artikel von mir erwähnt, dient diese Ruhe der Vertiefung in das Ritual. Nur so kann die nötige meditative Stimmung entstehen, welche nötig ist um sich fallen zu lassen. Somit lässt sich sagen, dass die Schweigsamkeit des einzelnen Bruders die Stimmung und die Ruhe während dieser Arbeiten im Tempel unterstützt und trägt. Natürlich gibt es einige Brüder, welche eine tragende Rolle in dem Ritual spielen. Diese sprechen ja nach wie vor das Ritual.

Verschwiegenheit und Geheimnisse

Wenn wir nun die Schweigsamkeit aus dem Blickwinkel der Verschwiegenheit betrachten, so ist dies ein essentieller Bestandteil des Gelöbnisses während der Aufnahmen in den Bund. Der neue Bruder garantiert seinen Brüdern, dass er für sich behält, was in dem brüderlichen Rahmen gesprochen, ihm gezeigt oder was ihm anvertraut wurde. Dieses Gelöbnis bleibt auch bindend nach einem Austritt aus dem Bruderbund. Gerade was das Ritual angeht ist diese Verschwiegenheit notwendig. Nicht dass nun behauptet wird, wir Freimaurer hätten etwas zu verbergen, die Rituale findet man nach entsprechender Suche und Geduld durchaus im Internet. Man muss nun nur noch herausfinden, welches falsche und welches die echten Rituale sind. Warum ist der Maurer hier aber so schweigsam. Im Ritual werden verschiedene Sinnbilder verwendet um etwa zu erklären oder zu verdeutlichen. Betrachten wir die Zeit, aus der die ersten Rituale stammen, so war es eher üblich, mit Bildern und Symbolen zu arbeiten anstatt etwas niederzuschreiben. Und genau hier liegt das Problem warum ein Ritual für Außenstehende etwas befremdlich wirkt. Man kann sich sehr schwer damit identifizieren als Nicht-Maurer.

Auch äußert sich ein Bruder nie dazu, wer Freimaurer ist. Es wird also niemand vorgeführt noch der Öffentlichkeit preisgegeben. Natürlich kann gern auf einen Bruder verwiesen werden, wenn dieser sich öffentlich dazu bekennt, wie beispielsweise ich selbst oder andere Brüder. Aber niemals ohne die Erlaubnis des Bruders. Dies kommt ebenso noch aus der Zeit, als Freimaurer durchaus Repressalien erfahren konnten. Auch heutzutage stehen manchen Personen Freimaurern noch sehr skeptisch gegenüber weshalb dieses Stillschweigen nach wie vor üblich ist. Schweigen über die geheimen Zeichen, Worte und Griffe, welche uns Freimaurern je nach Grad und Zugehörigkeit bekannt sein dürften, ist das oberste Gebot eines Maurers. Diese werden wir auch nach dem Austritt nicht weitergeben, denn mit ihnen kann man sich als Freimaurer zu erkennen geben.

Schon in der Tradition der Dombaumeister war es üblich, dass den Maurern geheime Griffe bekannt gegeben wurden, die einem herumziehenden Bruder die Möglichkeiten verschaffen, sich als Lehrling, Geselle oder sogar Meister auszuweisen und zu arbeiten. Dies wäre ähnlich dem Meisterbrief, welchen es in den Handwerken heutzutage gibt. Da hiermit auch ein anderes Gehaltsgefüge verbunden war, war es umso wichtiger, diese Zeichen und Griffe geheim zu halten. Also kann man hier auch den historischen Bezug finden. Warum also dies nach wie vor beibehalten? Weil eine Freimaurerloge keine Sekte ist, welche um Mitglieder wirbt. Denn wenn man sich entschließt diesem Bruderbund beizutreten, dann ist es wie in der amerikanischen Abkürzung 2BE1ask1 (gesprochen: „to be one ask one“ – wenn man einer werden will, sollte man einen fragen). Die Initiative muss von dem Interessenten aus gehen.

Neue Formen des Schweigens

Aber kommen wir zurück zum Schweigen…wir haben nun kennengelernt, dass man die anvertrauten Interna nicht nach außen trägt, ebenso wie man keinen anderen Bruder ohne seine Zustimmung „outet“. Aber eben auch das Schweigen und somit vor allem das Zuhören im Bruderkreis und beim Ritual. Aber es gibt gerade in unserer Zeit auch „neue Formen“ des Schweigens, oder besser gesagt des „nicht-tippens“. Ich habe es schon oft bemerkt und leider gehöre ich als Informatiker selbst zu der Gruppe der „Tipper“. Das umfasst alle die Brüder, die es lieben auf ihren Telefonen oder Tablets zu tippen, während ein Bruder seinen Vortrag hält. Also auf die Schnelle eine E-Mail überprüft oder mal Nachrichten schreibt. Somit zwar anwesend ist, sich aber gerade (wenn auch nur kurzfristig) mit anderen Themen beschäftigt. Hier können wir auch eher schweigen. Nämlich dem Bruder die nötige Aufmerksamkeit schenken und das Handy oder Tablet einfach mal zur Seite legen. Ich selbst haue hier auch immer wieder an meinem rauen Stein herum und es gibt Tage, da bleiben ein kleiner Kubus und viel Gestein übrig. Aber ich denke das ist eine Geste des Respektes meinem Mitbruder gegenüber, dass ich mich auf seinen Vortrag einlasse und schweige…

Nutzung im profanen Umfeld

Wenn wir also an uns selbst arbeiten und die Schweigsamkeit bis zum Meistergrad verinnerlicht haben, dann werden wir feststellen, dass wir diese Tugend nicht nur im maurerischen Umfeld gut einsetzen können, sondern auch im profanen Alltag. Schweigen und Zuhören können uns im beruflichen Umfeld ebenso dienlich sein wie im privaten. Seinen Kollegen zuhören und sich etwas zurücknehmen hinterlassen oftmals einen besseren Eindruck als ein aufbrausendes Wesen. Versuchen zu verstehen und ein Thema zu erfassen, bringen den Einzelnen einen deutlichen Schritt nach vorn. Ebenso kann diese Ruhe des Zuhörens im privaten Rahmen bei der Familie oder bei Freunden einen Streit vermeiden oder positiv auf das Gegenüber wirken. Jedoch nur wenn man sich darüber im Klaren ist, dass Freimaurer sein und es zu leben nicht an der Türe des Logenhauses endet und zeitlich gegrenzt ist.

Fazit

Schweigsamkeit ist nach wie vor eine der Meistertugenden aus den unterschiedlichsten Gründen. Historisch nachvollziehbar gelten die Hintergründe auch noch heute und lassen sich erweitern. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Schweigsamkeit nicht alleine vorkommt, sondern zusammen mit Verschwiegenheit und dem Zuhören vorkommen. Sie ergänzen sich perfekt und runden das Bild des verschwiegenen Bruderbundes ab.

Schon Friedrich Nietzsche sagte einst: „Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.“ (Werke II – Also sprach Zarathustra) Daher lasst es uns versuchen und denken wir schweigend über unser eigenes Verhalten nach.

Ein Gedanke zu “Serie über die Meistertugenden – Teil 1: Schweigsamkeit

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