Ich? Eine „0“?

„Ecken und Kanten? Jeder hat welche…und nur eine Null hat keine Ecken und Kanten“ So oder so ähnlich waren die Worte auf einer Postkarte, welche ich auf meinem Streifzug durch Berlin gelesen hatte. Natürlich habe ich auf dem weiteren Spaziergang über diesen Vergleich noch etwas nachgedacht.

Wir Freimaurer sind ja bemüht, an den Ecken und Kanten unseres rauen Steines zu arbeiten und uns damit zu verbessern (ich möchte nicht von „Vervollkommnen“ sprechen!). Hin und wieder kommt es zudem noch vor, dass wir an den Ecken und Kanten eines Bruders arbeiten. Ich möchte mich hier nicht ausnehmen und sogleich entschuldigen bei den, durch mich angegangenen, Brüdern.

Wir schleifen an unseren Ecken und Kanten um uns besser in den Bau des Tempels der Humanität einzubringen.

Die Großloge AfuAM sagt dazu: „Bei den Freimaurern gibt es symbolhafte Objekte und Werkzeuge. Ausgangsobjekt ist der raue Stein, mit dessen Hilfe der “Bau der Humanität” vollendet werden soll. Der raue Stein symbolisiert den Einzelmenschen, viele von ihnen bilden die Menschheit, im Idealfall den “Bau der Humanität” oder auch “Tempelbau der Menschheit”, wie es häufig bezeichnet wird.“

„Begrenzt sich der Betrachter auf sich selbst, bleibt das Ergebnis rein subjektiv geprägt. Wie er oder sie aber in den Augen anderer wirkt, bleibt erstmal verborgen. Erst wenn ihm der Spiegel vorgehalten wird, lernt er sich selbst zu sehen, so wie er von außen wahrgenommen wird. Der Spiegel soll den Menschen ermahnen, die Wirklichkeit und Wahrheit seiner eigenen Unvollkommenheit und die seiner Taten zu erkennen.“ (aus: http://www.paddf.de/html/was_tun_wir-.html)

Damit es schlussendlich zu dem Idealbild einer friedlichen und sozialen Menschheit bzw. Gesellschaft kommen kann, muss erst einmal jeder einzelne Mensch an sich arbeiten. In unserer Symbolsprache: der raue Stein muss in eine (individuelle) Form gebracht werden, damit er an der richtigen Stelle in den großen Bau passt. Dazu werden die symbolischen Werkzeuge benötigt: Winkelmaß, Zirkel, Winkelwaage, Senkblei, Maßstab und weitere.

Soweit zur Theorie – Doch was ist, wenn die anfängliche Aussage stimmen würde? Natürlich hat eine „0“ keine Ecken und auch keine Kanten wie andere Zahlen. Schwestern und Brüder mit einem Hang zur Mathematik würden nun sofort einwenden, dass auch eine „8“ keine Kante hat, sondern ebenso in sich geschlossen ist. Doch da die „0“ noch die Bedeutung hat, das „eine 0 ein Versager sei“, konzentrieren wir uns eher hierauf. Natürlich machen uns gerade unsere Kanten aus. Kantig zu sein steht für Individualität und ist nicht glatt gespült wie viele anderen.

Auch kommen im Laufe eines Lebens immer neue Ecken und Kanten an unseren Stein. Der Stein fällt und schlägt auf, er ist Wetter und Witterung ausgesetzt und schon platzen einige Stellen ab und hinterlassen neue Kanten. Auch wenn wir altern, verwittert die Oberfläche des Steines und es entstehen neue Fugen, Risse und Strukturen.

Der Maurer, der das Handwerk noch ausführt, wird nun anmerken (und zwar mit Recht!), dass eine zu glatt geschliffene Oberfläche dazu führen wird, dass der für den Bau nötige Mörtel keine Möglichkeit hat zu haften um den Bau fertig zu stellen.

Der Sänger Stefan Weidner formulierte es in seinem Lied „Mehr“ sehr treffend:

„Will die Freiheit und das Gute,

zwischen hier und den Sternen suchen!

Die Dellen glätten, die Kanten schleifen,

die üblen Wurzeln aus dem Boden reißen.“

Natürlich muss dieser Text keinen Bezug zur modernen Freimaurerei haben, aber dennoch finde ich ihn sehr treffend. Wir arbeiten an der Menschlichkeit, nehmen uns zurück und setzten uns für Freiheit und vor allem das Gute in uns allen ein. Welch ein hohes Ziel! Und daher wird es auch so schwer, dies zu erreichen. Es ist eine lebenserfüllende Aufgabe, die der Freimaurer hier eingeht und sollte sich dessen bewusst sein. Ich selbst musste vor kurzem erst in einem Telefonat mit einem Altstuhlmeister feststellen, dass ich immer noch ein Lehrling sein kann. Er half mir mich zu reflektieren und zeigte mir meine Ecken und Kanten auf, ohne mich dabei zu kritisieren. Er „stupste“ mich eher mit der Nase drauf. Natürlich bleibt es nun mir überlassen diese Ecke zu lassen oder sie zu glätten. Oder ist es sogar eher „nur“ eine Delle? Das müssen andere beurteilen.

Also was ist nun die Lösung? Ein passendes Mittelmaß? Warum nicht. Die Ecken und Kanten abschlagen um sich in die Welt Bruder- bzw. Schwesterkette einzufügen und dennoch „man selbst“ zu sein. Das Individuum in den Schatten der Ideale der Freimaurerei zu stelle und an sich und damit an dem Bau der Menschlichkeit zu arbeiten, ohne sich selbst zu verstellen. Seinem Leben einen Sinn geben.

„Ich will mehr, mehr als nur leben!

Ich will mehr, mehr als nur sein.

Es ist mehr ein Versprechen, mir selbst gegeben…

Ja ich schwör‘ ein Wolf zu werden, der das Böse reißt“ (aus „Mehr“ von Stefan Weidner, der W)

Einfach ein „ICH“ bleiben, ein Individuum im Dienste des Geistes der Freimaurerei und Humanität. Der sich für das Gute einsetzt und, wie es der Stuhlmeister am Ende jeder Tempelarbeit fordert, dem Unrecht nicht den Rücken zudreht. Gerade die Menschen mit Ecken und Kanten sind oftmals unter ihrer rauen Oberfläche sehr liebenswerte Menschen. Es gilt hier einen Weg zu finden zwischen dar Arbeit an dem eigenen Ich, an dem rauen Stein und der Individualität.

Eine kleine Anekdote zum Schluss. Vor kurzem hatte ich Geburtstag und ich bekam einen sehr schönen Gruß von einem meiner Brüder. Er meinte, ich solle „weiterhin unbequem“ bleiben. Freimaurerisch philosophieren und auch Kritik üben zu wollen. Genau das habe ich weiterhin vor…

Und vor allem dabei darauf zu achten, keine „0“ zu werden.

In diesem Sinne, feiert eure Ecken und Kanten, denn Diamanten sind auch nicht rund. Auf ein neues Jahr…

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