Serie über die Meistertugenden – Teil 2: Mäßigkeit

„Mäßigkeit macht einen „frei in der Entscheidung“, denn man kennt seine Neigungen“ soweit der Eintrag aus dem Freimaurer-Wiki über die Meistertugend. Die Mäßigkeit war bereits eine der vier platonischen Kardinaltugenden welche auch im lateinischen für temperantia steht. Leider streiten sich noch heute einige Gelehrte über die wahre Bedeutung des griechischen Ausdrucks σωφροσύνη (sophrosyne). Es geht von Besonnenheit, Beherrschung zu Zucht und Maß über. Aber damit wollen wir uns hier nicht beschäftigen. Betrachten wir die Mäßigkeit aus dem Blickwinkel eines Freimaurers.

Kennen der Neigungen

Der junge Meister sollte seine Neigungen kennen. Denn gerade wenn er sich selbst erkannt hat, also schon seit der Zeit des Lehrlings in sich gehört (was wir ja wissen ein immer währender Prozess ist und nicht abgeschlossen sein kann) und auch als Geselle um sich geschaut hat, so sollte er sich finden. Damit verbunden, wenn er sich erkannt hat, sollte er seine Neigungen kennen. Die Eigenschaften an denen er arbeiten muss, die Eigenschaften die ihn stark machen, sowie seine Vorlieben und Abneigungen, kurz gesagt seine persönlichen Interessen.

Vorlieben und Abneigungen

Natürlich hat jeder Mensch Vorlieben und Abneigungen. Der Mensch beschäftigt sich viel mit seinen Vorlieben und verbringt wenig Zeit mit den Abneigungen. Aber liegt nicht gerade auch hier ein gewisses Potential? Ich will nicht sagen das man jeder Abneigung nachgegen sollte. Dinge, die man ablehnt aus ethischen, moralischen und auch menschlichen Gründen dürfen hier nicht angetastet werden. Aber denken wir einmal an die kleinen Abneigungen, wie bei mir das Bügeln, Putzen oder auch Wäsche zusammenlegen und aufräumen. Oder auch mein Hang zur Ungeduld, bringt eine Abneigung gegen Vertrödeln von Zeit mit sich.

Vom Umgang mit Abneigungen

Ich sehe aber all diese Abneigungen nicht als etwas Störendes an. Ich habe es gelernt, sie zu identifizieren und mit ihnen umzugehen. Natürlich gehören da oft meine lieben Mitmenschen um mich dazu und auch die Brüder meiner Loge. Sie reflektieren mein Verhalten und geben mir (oftmals gnadenlos offen) eine Rückmeldung auf mein Verhalten. Erst vor kurzem eskalierte ein interner Streit mit einem Bruder und ich habe ihm ein wenig freimaurerisches Handeln vorgeworfen. Aber hat mich dies zu einem besseren Bruder gemacht? Nein, im Gegenteil. Ich war stur und habe ihm nicht die Hand reichen wollen. Mein unbrüderliches Verhalten wurde mir vor Augen geführt, gerade weil ich ihm eben dieses auch vorwarf. Was das Bügeln und Wäsche zusammenlegen angeht, so sehe ich es als ein notwendiges Übel an. Aber auch hier kann ich mich gut in Geduld üben, da diese Arbeiten ja erledigt werden müssen und ich danach dann etwas Schönes mit meiner Zeit anstellen kann.

Abneigungen als Vorteil nutzen

Gerade das Erkennen von Abneigungen und dem daraus resultierenden Handeln macht einen Umgang mit ihnen leichter. Wenn ich schon von meiner Ungeduld weiß und das Vertrödeln von Zeit nicht sonderlich mag, so sehe ich dennoch einen Vorteil daraus. Erstens habe ich dies genau identifiziert und zweitens kann ich somit an mir arbeiten. Ich habe erkennen müssen, dass ich mich auch gezielt diesen Abneigungen aussetze, damit ich selbst lerne ruhiger zu werden. Letztens war ich an einem verkaufsoffenen Sonntag in der Stadt. Leider auch tausende weitere Menschen. Es kam an einigen Stellen der Innenstadt dann zu echten Engpässen und zeitweise konnte man weder vor noch zurück laufen. Man musste warten. Aber gerade meine Abneigung gegen dichte Menschenmassen half mir etwas, die Sache als eine Art Training zu sehen um gelassener zu werden. Zugegeben war es an diesem Sonntag nicht sehr von Erfolg gekrönt. Aber wie heißt es so schön: ich habe mich bemüht…

Zucht und Maß – eine Ergänzung

Zurückkommend auf die Beherrschung und die Besonnenheit die ein Freimaurer Meister haben soll, muss ich von mir selbst sagen, dass ich noch lernen kann und muss. Natürlich sagen auch meine Brüder das ich mich in den einen oder anderen Dingen schon maßgeblich verändert habe. Ihr seht also, warum es gut ist jemanden zu haben, der einen reflektiert. Nur so kann man diese Veränderung erkennen, am ehesten die Menschen um einen herum. Sich in der Beherrschung, also der Selbstbeherrschung zu arbeiten um die nötige Besonnenheit zu erreichen kann nur eines der Ziele eines Meisters sein. Und somit kann man doch sagen, dass sich die unterschiedlichen Übersetzungen von Platons Wort σωφροσύνη (sophrosyne) nicht ausschließen. Ich denke vielmehr, dass sie sich perfekt ergänzen wie kleine Zahnräder in einem Gesamtsystem.

Fazit

Wir Freimaurer sagen immer, dass „ein freier Mensch von gutem Ruf“ Freimaurer werden kann. Frei kann hier nicht nur heißen, dass er das Recht auf freie Meinung hat, auf einer freien Selbstentfaltung, nein, es kann eben auch bedeuten, dass er frei im Denken und Handeln ist. Dass er sich selbst erkannt hat und über seine Stärken und Schwächen Bescheid weiß. Und gerade dann dazu bereit ist, an sich (und somit an seinem rauen Stein) zu arbeiten. Die Mäßigkeit, welche wir an uns selbst erkannt haben, hilft uns dabei diesen Schritt zu gehen.

Ein Gedanke zu “Serie über die Meistertugenden – Teil 2: Mäßigkeit

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